Oh Noes! Nicht noch ein Artikel über die Krautreporter!

Es ist faszinierend, was in den letzten Tagen aus der Crowdfunding-Aktion der Krautreporter für ein Wirbel geworden ist. Viele der großen Medien haben es aufgegriffen, zahlreiche Blogs kommentiert und auf Twitter und facebook ging und geht es auch rund. Da sich Krautreporter aus eher bekannteren Journalisten und – ja: auch ein paar -innen – zusammensetzt, die den Onlinejournalismus als kaputt bezeichnen und mit Pathos zu seiner Rettung antreten, sind die Erwartungen hoch und es wird neugierigst durchleuchtet, was da entstehen soll. Mit der Kritik wurde bisher eher mäßig umgegangen, von Fans kam alsbald die Befürchtung, dass dieses Herumkritisieren das zarte Pflänzchen kaputtmachen könne. Es wurde gar Welpenschutz gefordert.

Wenn das Pflänzchen so zart wäre, dass es vor ein paar kritischen Worten einknickt, dann wäre es sein Geld nicht wert.

Die Kritiken, die ich gelesen habe, sind weder besonders hart noch überraschend angesichts der Prominenz. Und schon gar nicht ist Kritik schlecht für ein junges Projekt, das ja selbst sagt, dass es in einem dialektischen Ansatz mit seinem Publikum wachsen will. Letztlich ist kritisches Feedback immer auch eine Art Kompliment an die Sache: Krautreporter wird ernstgenommen. Davon abgesehen war das Gros des Feedbacks, dass ich mitbekommen habe, entweder positiv oder Kritik mit der Anmerkung, das Projekt trotzdem unterstützenswert zu finden und gespendet zu haben.

Das wiederum verwundert mich, denn dafür was für professionelle und durchaus auch passionierte Journalist*innen da im Team sind, kommt die Präsentation enttäuschend unausgereift und farblos daher. Statt inhaltlich und strukturell konkreten Vorstellungen und einer knackigen Vorschau anhand von Beispielen kommen Videoporträts eines Teams aus Journalisten, die eigentlich ganz gut unterkommen sind in ihrer Branche; Videos voller großer vager Worte über Qualitätsjournalismus, der sich seinen finanziellen Fesseln in der Werbung entledigen will. Von Biss, Diversity und klaren Vorstellungen und Beispielen davon wie ihre Version des Zukunftsjournalismus aussehen soll keine Spur.

Es fühlt sich wie ein journalistischer Ableger der LOHAS Bewegung an, dessen Zielpublikum Geld ausgibt für Nachhaltigkeit, Fair Trade, und das Gefühl zu etwas vage Gutem beigetragen zu haben.

Wohlfühlen dadurch, die Welt mit dem ausgegebenem Geld irgendwie ein kleines Stück besser gemacht zu haben und irgendwo dazuzugehören. Die Community-Ebene als Äquivalent zum Fokus auf Regionalprodukte. Dem LOHAS ist auch zu eigen, dass er mit einer Verbesserung des Ist-Zustands zufrieden ist, große Zukunftsvisionen gibt es da nicht. Auch darin bordet Krautreporter an diese Bewegung: Es klingt alles eher nach dem Wunsch Vorhandenes besser  machen zu wollen und nach Sicherheit, weniger nach dem Wunsch sich wagemutiger in die Wogen von neuen Möglichkeiten stürzendem Anarcho-Journalismus, von dem Stefan Esser, einer der Gründer, auf Medium träumt. Was Krautreporter mit ihrer Präsentation bislang abgeliefert haben klingt eher, als wären sie im Bestreben zur Finanzierung eine möglichst breite Masse zu erreichen in die Falle getappt, sich aller Ecken und Kanten zu entledigen – genau das, was sie dem clicksabhängigen Onlinejournalismus vorwerfen. Mir fehlt da ein klares lautes Verorten in unabhängigem kritisch-emanzipatorischem Journalismus.

 

krautreporter

 

Das wenige was sie an Infos herausrücken gibt nicht das stimmigste Bild ab. Hintergrund- und Recherche-Journalismus mit Tiefe soll es sein, aber dann Thilo Jung & Naiv? Für die Zukunft des Onlinejournalismus wollen sie stehen, aber dann Christoph ‘Ich bin dann mal offline’ Koch? Kein Kommentarjournalismus, aber Stefan Niggemeier, der doch gerade darin glänzt? Dass mit Theresa ‘Tussikratie’ unter den wenigen Frauen im Team auch noch eine Vertreterin des nach unten tretendem Anti-Feminismus-‘Feminismus’ an Bord ist, macht die Zusammensetzung des Krautreporter-Teams nicht prickelnder.

Noch eine Newsplattform, von der ihr vorwiegend weiß/männlich/hetero/nichtmigrantisches Team behauptet, dass Vielfalt in Themenwahl, Inhalten, Perspektiven und Struktur unabhängig von der Diversity ihrer Mitarbeitenden sei ist #notmyfutureofjournalism.

Ich will keine Plattform funden, die zum x-ten Mal dieselben Perspektiven und Strukturen reproduziert. Für mich krankt Journalismus hierzulande immer noch viel zu sehr daran, dass die meisten Entscheidungstragenden so sehr an ihren Tunnelblick gewöhnt sind, dass ihnen gar nicht bewusst wird, wie eindimensional der Großteil des Erscheinenden ist, sondern diese Perspektive gar für eine objektive Sicht gehalten wird. Ich musste unwillkürlich an die Diskussion zurückdenken, die letztes Jahr um Glenn Greenwald entbrannte, der ja nie müde wird, zu betonen, dass für ihn alle guten Journalist*innen auch Aktivist*innen sind. So etwas wie völlige Objektivität gibt es für ihn nicht, sondern der Journalismus, der von sich behauptet völlig neutral zu sein versuche lediglich seine Perspektive unsichtbar zu machen. Greenwalds Ansatz von Journalismus geht von einem mündigen Publikum aus, nimmt dieses ernst. Und er verficht das seit Bloggerzeiten so überzeugend, dass ich The Intercept bestimmt gefundet hätte. Wenn mir nicht dieser Omydiar dazwischengekommen wäre.

Diese klare Selbstpositionierung, die sich nicht drum schert, Leserschaft abschrecken zu können, und auch der Biss und Esprit, die feurige Überzeugung von ihrem Ansatz – das vermisse ich beim Krautreporter. Leider. Greenwald & Co. nehme ich sogar ab, dass The Intercept auf ein diverseres Team zusteuert, weil sie das auf inhaltlicher, perspektivischer und arbeitsmarktstruktureller Ebene wichtig finden. Krautreporter klingen für mich so, als ob sie, naja, vielleicht zumindest das mit den Frauen irgendwann mal angehen, weil es halt irgendwie jetzt von manchen gefordert wird und ja auch nicht so ganz verkehrt ist usw.usf.

Dass Krautreporter die Kommentarfunktion zu einer Communityfunktion ausbauen wollen, finde ich eine gute Sache; dass sie das bis zu Offline-Aktionen erweitern wollen, kann sogar sehr spannend werden (wenn es nicht wieder so ein Berlin-only-Ding wird). Aber dass sie ausgerechnet vor der Interaktion mit ihrem Publikum die Paywall aufziehen wollen, da geht unser Verständnis von Community auseinander: “Zahlen sie nicht, [dann wird sich das] anfühlen als würde ihre Lieblingsband im Stadion spielen und sie dürften die Umkleidekabine nicht verlassen”, so die Krautreporter. Statt offenem Austausch soll hier eine geschlossener Clubbereich gebaut werden, für den Leute zahlen sollen. Exklusion statt Inklusion ausgerechnet in dem Bereich, der durch eine lebendige Diskussionskultur auch Leute anziehen könnte. Ich hätte mir ja eher Journalismus gewunschen, der etwas aus Community Media und der Blogger-Szene als typischen Netzmedien lernt, Augenhöhe schätzt und nicht mit Metaphern von Rockstars ankommt, die nur mit ihren Fans kommunizieren, wenn diese zahlen.

Unabhängig von Krautreporter gestehe ich aber, dass ich sowieso zu denen gehöre, die in der Zwickmühle stecken sich nicht nur an eine Zeitung fest binden zu wollen, aber die es sich auch nicht leisten können ein Dutzend zu abonnieren. Es tut mir ja leid wann immer ich das völlig nachvollziehbare Gejammer um die Finanzierung von Journalismus höre, aber ihr machts einer auch nicht leicht.

Die ‘natürlichste’ Weise im Netz Journalismus zu genießen, ist für mich die polyamouröse.

Das drückt keine Geringschätzung für die einzelnen Newsplattformen aus, sondern eine Liebe, die sich nicht nur an eine binden kann und will. Es gibt einfach ein so irrsinnig großes Überangebot an Lesenswerten im Netz, dass ich da (bis auf ein paar Ausnahmen wie The New Inquiry, The State oder Der Zaun) gezwungenermaßen Micropayment-Fan bleibe, was selten angeboten wird.

Die Diskussion über die schlechte Qualität des Onlinejournalismus kann ich auch nicht mehr hören, denn in meiner Erfahrung gibt es, vor allem wenn du auch Englischsprachiges liest, einen Überfluss an qualitativ gutem kostenlosen Journalismus. Ich glaube nicht, dass ich in absehbarer Zeit mal alles gelesen haben werde, was sich in meiner Pocket App angesammelt hat. Da vermisse ich dann eher manchmal selbst als passionierte Onlineleserin dieses wohlige Printzeitungsspezifische Gefühl eine Ausgabe fertiggelesen zu haben, sie zusammenzufalten, und dann Blatt für Blatt als Unterlage für den Katzennapf weiterzuverwenden. Das kann mir Krautreporter aber auch nicht geben. Hey, wenn jemand das gecrowdgefundet haben möchte: Ich wär sofort dabei bei einer personalisierten Print-Tageszeitung, die mir auf wunderbar großformatigem dünnen Zeitungspapier gedruckt all die Artikel auf den Frühstückstisch bringt, die ich mir am Vortag auf Pocket zum Lesen vermerkt habe.

Rubinrotes Herz, eisblaue See von Morgan Callan Rogers

Manche Bücher liegen bei mir ewig im Regal rum, bevor ich sie lese, und oft reut es mich dann, dies nicht schon eher getan zu haben. Ein solches habe ich heute ausgelesen: ‘Rubinrotes Herz, eisblaue See’ von Morgan Callan Rogers. Das Schmalzige des Titels war ebenso schuld daran wie dass ich mich nicht mehr erinnern konnte, wie es den Weg zu mir gefunden hatte. Gegenüber der sonst sehr gelungenen Übersetzung wundert es mich, warum der Titel von ‘Red ruby heart in a cold blue sea’ so übersetzt wurde. Der englische Originaltitel greift auf, wie Florine, die Hauptfigur, einen Halskettenanhänger in Form eines rubinroten Herzens ins Meer wirft, ein wichtiger symbolischer Akt in diesem wunderbaren Coming of Age Roman.

Das Leben in einem abgelegenen kleinen Fischerort in Maine in den 68ern wird von Morgan Callan Rogers in ruhiger liebevoller Erzählweise eingefangen. Die umtriebige, lebensfreudige Mutter der Hauptfigur Florine verschwindet von einem Tag auf den anderen, und von diesem zentralen Verlust fächern sich weitere ab. Der Vater, ein Fischer, ist nach einer Weile mit einer neuen Frau zusammen, was Florine so verbittert, dass sie zur Großmutter zieht – was in einem so kleinen Ort letztlich nur den Umzug auf die andere Straßenseite bedeutet. Aus den Augen verliert hier niemand niemanden. Der Umgang mit Verlust und Finden und Wiederverlieren und Wiederfinden von Menschen sind das zentrale Thema, ebenso wie Liebe und was dafür gehalten wird: von großmütterlicher Fürsorge bis zum ersten heißen Sex, von Freundschaft bis zu Angst vorm Alleinsein. Das Buch lebt nicht von aufregenden Geschehnissen, sondern von Entwicklungen der Beziehungen einer großartig widerborstigen und humorvollen und liebevollen und zerrissenen Hauptfigur zu den anderen Menschen in ihrem Leben. Habe ich am Anfang noch darauf gewartet, dass die vermisste Mutter wieder auftaucht, wurde das zunehmend unwichtiger und das Ausbleiben einer Auflösung, die dauernde Sehnsucht, das immer wieder hochkommende Vermissen, füllten bald mehr aus, als es jede Auflösung hätte tun können.

Hier ein Link zum Buch.

Wiebusch, der deutsche Macklemore

Wiebusch macht einen Versuch, zum deutschen Macklemore zu werden und platziert rechtzeitig vor der WM diesen Song und ein neues Album. Echte deutsche Jungens sind dem Stereotyp nach auf der Gefühlsebene am besten über Fußball zu erreichen, und praktischerweise ist das ja einer der Bereiche, der sich ebenso gern anti-homophob, anti-rassistisch und anti-sexistisch gibt wie es Fans, Spieler und das ganze Business drumrum sind. Super-Kombi: Wiebusch setzt nun also auf Fußball-Bro-Culture-Pathos und die Emotionaliät eines Coming Outs, ach was sag ich, DES Coming Outs des Erretters, und feiert das im Heldenpathos: Ein Mann muss sich outen, dann ist das schnell alles für den Rest ganz easy. Genau wie mit dem Rassismus, den es laut diesem Song im Fußball ja auch nicht mehr gibt. Very funny. Not.

Was ich davon halte, wenn Heteros Queer Culture für ihre Zwecke melken, während im strukturell genauso homophoben Deutsch-Indiepop auf gleicher Ranghöhe mit sowas wie Wiebusch bezeichnenderweise kein Platz für einen queeren Künstler*in ist, die selbst einen Song zum Thema bringen könnte oder würde, habe ich ja schon in aller Breite in meinem Beitrag zur GQ-‘Mundpropaganda’-Aktion erläutert. Ebenso, warum wir auf diese Art Bezeugungen verzichten können, bei denen sich weiße Hetero-Männer für möglichst viel Publicity gegenseitig dafür auf die Schultern klopfen, wie unfaßbar fucking tolerant sie sind, ja, ganz von sich selber gerührt, ohne zu checken, dass genau diese Kultur das Problem stärkt, vom dem sie sich so stolz abheben wollen. Mit der ganzen Wortwahl in dem Song (Mut, Feigheit, Stolz, wie oft kommt ‘Freiheit’ vor?, der ‘verschworene Haufen’, der zusammenhält in Mackerpose, usw.) würden nicht nur zufällig Freiwild oder die Onkelz auch ganz gut fahren. Auch musikalisch ist das Teil ja nicht soweit weg davon.

Hätte ja echt gedacht, dass mir Wiebusch zu egal ist, als dass ich noch jemals Worte über seine Musik verlieren würde, aber das hier ist halt echt zu armselig. Er wird aber sicher hart abgefeiert werden für diesen Song. Sowas funktioniert. Bleurgh. [/RANT]

WhatsApp und die Vermessenheit von facebook – Gedanken zu Zentralisierung, Alternativen, Vermessung und Macht

Seit Zuckerberg Whatsapp gekauft hat, gab es auf facebook viele Postings, in denen Menschen sich nach Alternativen erkundigten oder herausfinden wollten, welche die populärste App in ihrem Freundeskreis werden würde. Auf diese Postings wurde oft mit einer regelrechten ‘wie dumm und naiv’ Kommentarkeule eingedroschen, als ob jeglicher Ansatz die App zu wechseln, im Keim erstickt werden sollte. Es fielen Sätze wie: “Wer facebook nutzt, braucht sich um seine Daten eh nicht mehr sorgen”, “Whatsapp war vor der Übernahme durch facebook auch nicht gerade für Datenschutz bekannt, da brauchst du jetzt auch nicht jammern”, “Alles außer [für den Durchschnittsinternetuser kryptische Nerdbegriffe einfügen] bringt eh nix, und das nimmt niemand weil’s zu kompliziert ist”, “Niemand kann garantieren, dass die Alternativen nicht auch früher oder später von facebook oder Google geschluckt werden”, “Der Überwachung kannst du doch eh nicht entkommen, weil Backdoors im Betriebssystem sitzen”, “Für kostenlose Services zahlst du nun mal mit deinen Daten”, “Ich hab ja gottseidank gar kein Smartphone. Früher ging’s auch ohne, ist eh besser.” Was ihnen gemein ist: Ein oft erstaunlich abfälliger hämischer Tonfall und das Proklamieren einer Auswegslosigkeit und damit einhergehend die Aufforderung nichts zu ändern. Das ähnelt Äußerungen angesichts der Snowden-Enthüllungen, aber die Resignation vor der Massenüberwachung ist verständlicher, weil den Mitteln der Geheimdienste wirklich kaum zu entkommen ist. Eine ähnlich resignierte Haltung gegenüber facebook fällt mir allerdings schwer nachzuvollziehen. Vielleicht liegt es daran, dass die Suche nach Whatsapp-Alternativen manche an frustrierend gescheiterte Ansätze erinnert, den Freundeskreis dazu zu bewegen, zu einer facebook-Alternative umzuziehen, z.B. dem dezentralen Diaspora. Oder wenigstens Twitter.

One does not simply leave facebook

Dass facebook so viel mehr Standkraft beweist als friendster oder myspace liegt sicher nicht darin, dass alle es so lieben, wie es ist: Es gab und gibt stets viel Kritik, die von Echtnamenpflicht über komplizierte und sich immer wieder ändernde Sicherheitseinstellungen bis zum gefilterten Stream reicht. Dass facebook sich so gut hält, liegt eher daran, dass es sehr gut darin ist, Leute zu halten. Nicht umsonst experimentiert facebook die ganze Zeit damit herum, wie es deinen Stream so füllt, dass du möglichst nur Dinge siehst, die dich dazu bringen, möglichst viel Zeit dort zu verbringen, und dabei gleichzeitig die Wünsche der Werbe-Kundschaft zu erfüllen, die Geld in die Kassen bringt. Das Spielerische der Inszenierung deiner Identität, das Myspace noch ermöglichte, und was für viele auch auf Messageboards, Livejournal usw. einer der großen Reize daran waren, sich im Internet mit anderen zu vernetzen, ist bei facebook einer seltsamen Eindimensionalität gewichen, einer Fortsetzung der Community mit der du auch außerhalb des Netzes verkehrst.

Facebooks Mechanismen taugen – obwohl es die Möglichkeiten zum Bruch gäbe – nicht zur kreativen Inszenierung, zum Ausbruch, ja – nicht mal zu längeren Diskussionen. Poetisch-Absurdes wie Weird Twitter oder eine Teen Angst Ästhetik wie tumblrs Soft Grunge entsteht in der strikt durchregulierten Umgebung von facebook erst gar nicht. Echtnamen, echter Job, echter Wohnort. Facebook hat es auch wie kein Social Network vor ihm geschafft, in Bereiche des ‘Offiziellen’ vorzudringen, die auf früheren Social Networks nicht denkbar waren, z.B. dass neben Firmen selbst viele städtische oder staatliche Einrichtungen Seiten dort haben. Non-profit Organisationen, alles was kreativ ist, sich aber nicht als Produkt verwerten will, hat keinen wirklichen Platz: Entweder es spielt mit und versucht möglichst viele Likes zu ergattern, oder es wird unsichtbar weil seine Postings nicht mehr in den Timelines auftauchen. Lokal und geschlossen statt international und offen – der Reiz des Internets, Fremdes und Fremde zu entdecken, ist bei facebook der perfekten Ausreizung dessen, was du schon kennst gewichen: aus dem was du schon magst und denen die du schon kennst filtert dir facebook eine Timeline und Werbung zurecht, die Vertrautes und auf dich zugeschnittenes Neues bietet, aber dir möglichst alles Fremde, Störende und Negative vorenthält.

Auf ein Beispiel, dass das richtig gut funktioniert, bin ich erst kürzlich in einem Gespräch mit einem Freund gekommen: Ich bekomme in meiner Timeline inzwischen so gut wie nie mehr etwas zum Thema Fußball gezeigt, obwohl ich wirklich mit einigen sehr fußballbegeisterten Menschen befreundet bin. Schöne Sache? Jein. Ja, weil yeah, kein Fußball mehr! Nein, weil es suggestiert, dass ich Macht über meinen facebook-Stream habe, die mir facebook aber eben verwehrt, weil es mich nicht selbst über meinen Stream bestimmen lässt, z.B. indem es mich Filter für Themen setzen ließe, die ich nicht sehen will. So macht es mir nur bewusst, wie einfach sich auch kritische Diskussionen aus Streams rausfiltern lassen.

Felix Stalder erklärt in einem empfehlenswerten Artikel in der Le Monde Diplomatique zu Big Data:

“Aus großen Datenbeständen lassen sich Erkenntnisse gewinnen, die auf der Ebene der Kommunikation gar nicht existieren. Es lassen sich Muster erkennen und Wahrscheinlichkeiten zukünftigen Handelns ermitteln. Darauf werden Strategien aufgebaut, um diese Wahrscheinlichkeiten zu manipulieren. (…) Repression ist die Ausnahme. Mit großen, gut organisierten Datenmengen lassen sich Menschen steuern, ohne dass ihnen diese Steuerung bewusst wird. (…) Die Daten bieten die Grundlage dafür, die Umgebung, in der Menschen handeln, vorzustrukturieren, bevor sie handeln. Dadurch wird der Eindruck der individuellen Freiheit erhalten, obwohl die Freiheit nur noch darin besteht, aus Optionen auszuwählen, die ein anderer aus eigennützigen Motiven bereitgestellt hat. Amazon, der große Onlinehändler, wird nie ein Buch empfehlen, das er nicht im Angebot hat.”

Eine ähnliche Vorstrukturierung der Welt und wie sie sich auf unser Denken und Handeln auswirken kann, untersucht auch Liam Mitchell in seinem Artikel zu Facebook “Life on automatic: Facebook’s archival subject“, den Rob Horning dankenswerterweise für Cyborgology zusammengefasst und besprochen hat. Horning schreibt: “Somit ist die Gefahr aus Mitchells Sicht … ‘die Veränderung dessen, was wir als gegeben hinnehmen, darauffolgend die Etablierung eines Subjekts, dass nichts mehr außer Browsen tun wird.’ Soviel zum Verändern der Welt; es reicht, sie durchsuchbar zu machen. … ” Bequemlichkeit und Automatisierung kennzeichnen das archivalische Subjekt, das Mitchell hier als Möglichkeit entwirft.

Wer solche theoretischen Gedanken dazu wie Social Networks und Big Data uns beeinflussen können für paranoid hält, sei versichert, dass z.B. Google bestimmt nicht umsonst mit dem Einkauf von DeepMind in die Forschung zu künstlicher Intelligenz und Deep Learning investiert hat. Das all sowas um so bedenklicher ist, je mehr alle unsere Kommunikationen durch den Rüssel derselben paar wenigen Datenelefanten laufen, sollte klar sein. Dezentralisierung deiner Daten anzustreben, ist durchaus einer von vielen Gründen von WhatsApp wegzuwechseln.

 I’m Your Private Dancer

Nathan Jurgenson und PJ Rey verwenden in “The Fan Dance: How Privacy Thrives in an Age of Hyper-Publicity” den Fächertanz aus der Burleske als Bild dafür was Privatheit ist, und das nicht nur auf Social Media, sondern auch sonst im Alltag: Den Fächertanz macht nicht der komplett entblößte oder verborgene Körper des Tanzenden aus, sondern das ständige Wechselspiel in dem manches gezeigt und anderes verdeckt wird. Genau so sind Privates und Öffentliches nicht als Gegensatzpaar zu verstehen, sondern funktionieren als ähnliches Wechselspiel. ‘Privatheit’, dazu wird der frühe Hacktivist Eric Hughes zitiert, ‘ist, die Macht zu haben selbst zu wählen was der Welt gezeigt wird’. Die beiden Soziologen räumen auch ein Klischee aus: Es gibt Belege dafür, dass diejenigen, die auf facebook am meisten teilen auch diejenigen sind, die am empfindlichsten sind was ihre Privatheitseinstellungen betrifft. Es hat sich auch gezeigt, dass Leute die nicht wirklich wählen können, wem sie was zeigen, Informationen lieber geheim halten. Deswegen sind Debatten um Privacy-Richtlinien für Social Media Seiten nach Jurgenson/Rey kein Kampf für mehr Privatheit um weniger zu teilen, sondern vielmehr mehr Privatheit gefordert, damit wir uns wohl dabei fühlen können mehr zu teilen.

Bei facebook ist meine Kontrolle darüber, was ich zeige und was nicht, gleich an mehreren Stellen gebrochen: Der Stream zeigt nur gefilterte Bruchstücke dessen, was ich zeigen und sehen will (im Gegensatz zu Twitter z.B., wo ich alles ungefiltert zu sehen bekomme). Es gab auf facebook auch immer wieder mal Umstellungen, durch die etwas, was als nur für manche sichtbar eingestellt worden war, plötzlich für alle sichtbar wurde. Komplexe, sich immer wieder ändernde Privatheitseinstellungen. Kein durchsuchbares und löschbares Archiv meiner Daten. Kein Überblick, was von meinen Daten durch Zugriff von Apps, die nicht mal ich selbst, sondern jemand aus meinem Freundeskreis nutzt, weitergegeben wurden. Kein Einblick, was von meinen Daten an Werbekundschaft verkauft wird. Diese Eingriffe und Pannen sind ein Eingriff in die Privatheit, als würde bei einem Fächertanz jemand dauernd die Fächer des Tanzenden wegziehen oder andere vorhalten. Die Gefahr für facebook ist, dass der Tanz an Reiz verliert, wenn die Interaktion mit anderen zu gebrochen erscheint. Wenn die Mechanismen nach denen es funktioniert zu sichtbar werden, dann kippt der Tanz und erinnert eher an die schlaff schlurfenden ausgebeuteten ‘Private Dancer’ im Tina Turner Clip als an ein lustvolles Spiel.

Facebook gibt sich alle Mühe, das aus unseren Köpfen heraus zu halten. Obwohl alles um eine riesige ständig wachsende Datensammlung kreist, wirkt für uns der Stream mit seiner scheinbaren Augenblickhaftigkeit und Vergänglichkeit seiner Inhalte als das Zentrum von facebook. Aus den Augen, aus dem Sinn. Stell dir vor, wenn Kopernikus daherkäme und dir auf deiner facebook-Seite nicht die Zahlen der Kontaktaufnahmen anderer User entgegenleuchten würden, sondern sowas wie:

“Willkommen bei facebook. Du hast uns bis jetzt schon 587 Bilder deiner Freund*innen und Kinder überlassen, die wir unserem Facetracking unterzogen haben. 16 Apps von Freund*innen von dir hatten Zugriff auf dein Profil, was sie für Einnahmen durch Werbung nutzen werden. Die Analyse deines Freundeskreises hat ergeben, dass du derzeit nicht kreditwürdig bist. Dein zukünftiger doch-nicht-Arbeitgeber hat deine 243 Statusmeldungen über deinen Gesundheitszustand gelesen. Deine Krankenkasse hat deine 523 Essensbilder analysiert und wird dir demnächst Broschüren zur Änderung deiner Ernährungsgewohnheiten schicken. Wir konnten dich dank Messung deiner Verweildauer auf 27 Pages und dem Chat über dein letztes Wochenende 39 neuen Werbezielgruppen zuordnen. Wir bedanken uns und werden dir im Folgenden aus diesen Informationen eine besonders angenehme Timeline und Werbung zusammenfiltern.”

Das wäre eigentlich die Sorte Transparenz, die wir von einem sozialen Netzwerk fordern sollten.

 I just fucking wanted a privacy

Die Perspektive einiger Leute, die sich professionell mit Datatracking auseinandersetzen um sich die Perspektive anderer zu erschließen, entpuppt sich immer wieder mal als ziemlich weit von der ihrer Ziele entfernt. Das zeigte sich auch beim WhatsApp-Kauf von facebook, als in einigen Meldungen zugegeben wurde, noch nie von dieser Messenger-App gehört zu haben. Sam Kirkpatrick erklärt in seinem Artikel über den WhatsApp-Aufkauf zwar dass der Erfolg von WhatsApp im Dark Social liegt, ignoriert aber einen wichtigen Grund dafür, wenn sein Fazit ist, dass doch alle nun wie BuzzFeed einen WhatsApp Share-Button auf ihren News-Seiten anbringen sollten. Für viele Anwendende ist das Tracking so selbstverständlich geworden, dass übersehen wird, dass einer der großen Gründe für Dark Social ist, dass viele Leute einfach nicht getrackt werden wollen.

Es wird gern so getan, als sei das Bezahlen mit Daten für kostenlose Dienste eine Selbstverständlichkeit, als hätten alle Nutzenden explizit und bewusst eingewilligt. Es sollte wieder mal vor Augen geführt werden, dass dem in den meisten Fällen nicht so ist. Im Gegenteil: Es wird meist sogar extra damit geworben, dass etwas gratis sei, aber ohne das irgendwelche daran geknüpften Bedingungen dazu genannt werden würden. Dass du mit deinen Daten zahlst mag sich aus Erfahrung erschließen, basiert aber nicht auf einer expliziten Abmachung, in der z.B. beide Seiten genau festlegen was für Daten wieviel wert sind. Dasselbe gilt für Werbung, und pardon, aber wenn es nie explizit ausgemacht wurde, dass ich mir z.B. für das Lesen eines Artikels zwei Sekunden eine Anzeige ansehen muss, oder ich nicht weiß, wieviel Tracker mich von irgendeiner Website verfolgen, schalte ich doch lieber meine AdblockEdge und Disconnect AddOns ein. Trotzdem erstaunt es immer wieder Profis, wievieles Menschen gern lieber ohne ihre spähenden Blicke tun. Auch der Artikel, mit dem Alexis C. Madrigal 2012 den Begriff Dark Social schuf, ist von Überraschung über den großen Anteil des Social Traffics von dort (56.6% im Vergleich zu 21.6% facebook) gezeichnet und er stellt fest:

“Die Tauschgeschäfte, die wir auf Social Networks machen, sind nicht die, von denen uns gesagt wurde, dass wir sie machen. Wir geben ihnen unsere persönlichen Daten nicht für die Möglichkeit Links mit Freunden teilen zu können. Eine große Zahl von Leuten – eine größere als auf irgendeinem Social Network existiert – tut dies schon außerhalb von Social Networks. Vielmehr tauschen wir unsere persönlichen Daten für die Möglichkeit das was wir teilen zu publizieren und archivieren. Das mag eine Transaktion sein, die du machen willst, aber es dürfte nicht die sein, von der dir gesagt wurde, dass du sie machst.”

Es ist also vielen Menschen nach wie vor ein Bedürfnis auch in digitaler Form nicht-öffentlich zu kommunizieren. So banal das klingt, es ist vielen zentralen Figuren im Datamining nicht so klar wie denen, die ihre Dienste nutzen. Sein tiefes Unverständnis für das Bedürfnis nach Privatheit, könnte sich zum Beispiel bei Mark Zuckerberg noch als seine Achillesferse entpuppen. “Du hast nur eine Identität”, betonte Zuckerberg nicht umsonst gleich drei Mal in einem einzigen Interview mit David Kirkpatrick schon 2010: “Die Tage, in denen du für deine Arbeitsfreunde oder Mitarbeiter und für die anderen Leute, die du kennst, ein verschiedenes Image hast, werden wahrscheinlich ziemlich bald vorbei sein.” Er fügt hinzu: “Zwei Identitäten für dich selbst zu haben ist ein Beispiel mangelnder Integrität.” Michael Zimmer, von dessen Blog ich das zitiert habe, kritisiert diese Haltung verständlicherweise heftig, und erklärt:

“Individuen regeln und begrenzen den Informationsfluss ununterbrochen basierend darauf in welchem Kontext sie sich befinen, wechselnd zwischen Identitäten und Rollen. Ich präsentiere mich anders wenn ich im Klassenzimmer lehre, als wenn ich mit Freunden ein Bier trinken gehe. (…) So navigieren wir die vielfältigen und zunehmend komplexen Bereiche unserer Leben. Das heißt nicht, dass du so tust, als wärst du jemand, der du nicht bist, vielmehr drehst du die Lautstärke von ein paar Aspekten deiner Identität lauter, und nimmst andere etwas zurück, basierend auf dem jeweiligen Kontext, in dem du dich befindest.”

Kein Wunder, dass WhatsApp mit seinem Image des Respekts vor Privatheit Zuckerbergs Messenger den Rang ablief. Das Image von facebook ist das einer Plattform für öffentliche Nachrichten in die breite Runde, und die Nutzer*innen sind sich meist dessen bewusst, dass Vertrauliches dort nicht gut aufgehoben ist. Whatsapp kam dagegen ohne komplizierte Privatheitseinstellungen daher und ohne das Filtern deiner Nachrichten und Fotos für Werbekundschaft, kurz: perfekt um mit einem engeren Kreis oder Einzelnen zu kommunizieren. Den Unterschied in der Nutzung hält auch Sam Kirkland fest: “Facebook users broadcast content widely; WhatsApp users target content narrowly. Users of Facebook discover content …; users of WhatsApp receive it.”

Dass es WhatsApp, obwohl es datensicherheitstechnisch ähnlich problematisch wie ein facebook Messenger ist, gelang, ein Image der Sicherheit und des Respekts vor Privatheit zu suggerieren dürfte unter anderem auch daran liegen, dass die App eher als Nachfolger von Telefon/SMS empfunden wird, also eher vom privaten Bereich her gedacht wird, und nicht vom öffentlichen World Wide Web her. WhatsApp hat genau an der stagnierenden SMS-Weiterentwicklung angesetzt und eine Lücke gefüllt, als vielen die SMS-Gebühren zu teuer wurden. Das erkennen inzwischen auch Mobile Service Anbieter an: “Ein Service wie WhatsApp ist, um ehrlich zu sein, etwas worauf wir hätten selber vorher kommen können und sollen,” sagt Orange’s Richard. “Wir sind fest entschlossen aufzuholen.” Dass WhatsApp demnächst dann auch noch zum Mobilfunkanbieter wird, dürfte ein Schritt sein, der auch noch ‘konservativere’ SMS-User dazu gewinnt.

Dass WhatsApp werbefrei läuft und verspricht, die Daten seiner Nutzer*innen nicht weiterzuverkaufen (hier sei nach dem facebook-Aufkauf ein Hüsteln gestattet), ist ebenfalls Aspekt mit dem der Messenger Vertrauen gewann. Werbung ist in Zeiten von Big Data ein Signal für das Unprivate, wenn nicht gar Unseriöse geworden. Und die gefühlte Privatheit, das Aufbauen eines Images, das Sicherheit vermittelt, spielt bei so etwas eine größere Rolle als die tatsächliche; da können technische Fakten noch so viel von Lücken in der Sicherheit erzählen. Das mit Dummheit zu begründen, greift zu kurz, denn es ist durchaus zu einem gewissen Grad nachvollziehbar, weil es wenige vertrauenswürdige Informations-Instanzen gibt, und das Wissen um gekaufte Testergebnisse und Besprechungen sich breit gemacht hat. Die Technik selbst ist so komplex, dass sie die meisten nicht mehr selbst auf Sicherheit hin überprüfbar ist.

Facebook hat was die mobilen Messenger anbelangt, die Image-Hürde nicht geschafft. Als Plattform des öffentlichen Austauschs und Archivs ist es nach wie vor breit akzeptiert, aber eben als eine Plattform, der die Datengier ins Gesicht – pardon: in die Benutzeroberfläche geschrieben steht. Dass Zuckerberg das erkannt hat, dürfte einer der Gründe dafür sein, dass sie Whatsapp als ‘unabhängige’ (auch hier nochmal ein die Anführungszeichen verstärkendes Hüsteln) App weiterlaufen lassen.

All the single Lokis

Whatsapp dürfte neben Paper und Instagram für die neue Stoßrichtung facebooks stehen: Da es nicht gelang, das mobile Netz unter dem facebook-Banner zu erobern, dann eben indem gezielt bestimmte Interessengruppen mit einzelnen Apps, die alle ihre ganz eigenes Image haben, angesprochen werden. Das Vordringen in den mobilen Bereich mit einzelnen für verschiedene Zielgruppen zugeschnittenen Diensten ist bei aller lauter Kritik zur WhatsApp-Übernahme erfolgsversprechend. Wenn Apps unter ihrem eigenen Namen weiterlaufen, sind sich die User weniger bewusst, dass sie facebook gehören. Das mag fürs Branding nicht so gut sein, aber die Daten landen ja letztlich doch alle in facebooks Händen; und durch den Kauf die ganzen Nutzer*Innen der Services samt ihrer Nutzungsdaten mitzuübernehmen sorgt für neuen Schwung in der Nutzerstatistik. Die Handynummern der Whatsapp-User lassen sich dann ja über kurz oder lang auch so mit ihren facebook-Daten zusammenführen.

Es bleibt natürlich durchaus interessant und erfreulich zu sehen, wie schnell der Ruf von facebook abfärbt und innerhalb kürzester Zeit auf Twitter und facebook nach Alternativen zu Whatsapp gesucht wurde, und selbst Medien wie der Stern über eine verschlüsselte Messenger-App wie Threema als mögliche Alternative berichtet. Trotzdem ist anzunehmen, dass viele bei der bereits genutzten App bleiben, seie es aus Resignation, sei es aus Faulheit. Sam Kirkland beschwört aus der Übernahme von WhatsApp die düstere Vision: “Das größte Social Network könnte auch zum größten Player in Dark Social werden.”

Tom McKay vertritt die Theorie, dass facebook in erster Linie wegen seiner Präsenz in Sachen Fotos an WhatsApp interessiert ist. Und da hat es wahrhaft beeindruckende Zahlen: McKay spricht von 500 Millionen Fotos die am Tag über WhatsApp verschickt werden, während facebook selbst ‘nur’ 350Mio. und Instagram 55Mio. melden kann. Für die Foto-Theorie spräche auch der gescheiterte Versuch Zuckerbergs Snapchat zu kaufen, eine App mit der durch Fotos und Videos kommuniziert werden kann, die für die Empfänger nur bis zu 10 Sekunden sichtbar sind, bevor sie sich selbst wieder löschen. Snapchat hatte Ende letzten Jahres auch schon 400Mio Bilder pro Tag. Eine App, deren Erfolg auch für den Wunsch nach der Möglichkeit zu vertraulicher digitaler Kommunikation spricht.

Es scheinen nicht alle eingelullt zu sein, sondern es besteht ein Bedürfnis nach privateren digitalen Kommunikationsvarianten. Die Frage ist, ob facebook und ähnliches uns schon so weit zu einem Verhalten nach “Bequemlichkeit und Automatisierung” erzogen haben, dass wir nicht mehr flexibel und entschlussfreudig genug sind, um Apps und Dienste zu wechseln und darauf zu achten, sowohl sichere als auch dezentralere Dienste zu nutzen, und auch unseren Bekanntenkreis darauf anzusprechen. Ich denke jedenfalls, um noch mal auf die hämisch Abwinkenden, die ich eingangs erwähnt habe, zurückzukommen, dass das Bemühen um Privatsphäre und Datenschutz gerade derzeit nie belächelt oder sarkastisch abgetan werden sollte. Facebooks WhatsApp-Übernahme ist nur eine von vielen bedrohlichen Entwicklungen, die unsere Freiheit und Sicherheit im Netz einschränken könnten. Für Leute, die sich schon länger mit dem Thema befassen, mag es ein alberner und viel zu später Anlass sein, um sich einen anderen Messenger zu suchen, aber es ist immerhin überhaupt ein Schritt und es hat ein Interesse geweckt. Ich würde mir wünschen, dass statt zu Sarkasmus und Belächeln wieder mehr zu Erklärungen und Tipps gegriffen wird, damit immer mehr von uns nicht nur wissen wie und wozu sie eine App oder einen Dienst benutzen, sondern uns auch bewusster wird, wie und wozu wir dabei benutzt werden. Wenn nicht gleich die sicherste gewählt wird, mag das bei den meisten einfach daran liegen, wieviele ihrer Kontakte welche App wählen. Denn die sicherste App nützt nichts, wenn du mit niemandem darüber kommunizieren kannst. Hier ein paar Empfehlungen von Digital Courage. Bei mir sind derzeit Threema und Telegram installiert. Und wenn diese Alternativen auch irgendwann aufgekauft werden sollten, dann ziehen wir eben weiter und suchen uns neue. Auch wenn Google und facebook euch das Gegenteil erzählen: Einem vielfältigen lebendigen Netz tut es nur gut, wenn nichts zu statisch und zentralisiert wird.

Empörung aktivieren – Konformismus und Mobverhalten im Netz

via reddit cocobango“Empörung aktivieren. Aufstehen, Aufstand, Anstand.”
Die Goldenen Zitronen

In einem Text namens ‘Konformismus im Netz – Die Meinung der Anderen’ schreibt Martin Weigert:

“Bei Twitter und in anderen Teilen des sozialen Netzes herrscht ein Konformitätsdruck, der durch die Furcht ausgelöst wird, am virtuellen Pranger zu landen. (…)

Auf Dauer sorgt es aber für ein vergiftetes Klima und einen Konformismus, der Meinungsfreiheit und Demokratie mindestens ebenso bedroht wie die Überwachung durch Geheimdienste und Regierungen.”

Weigert zitiert dazu den ‘Blogger und Professor Joshuah Neeley':

 “Er sieht die entscheidende Schwäche am Prinzip der Bestrafung durch die Masse darin, dass dabei nicht schädliche oder falsche Sichtweisen zum Verstummen gebracht werden, sondern vorrangig unbeliebte Perspektiven.”

Ein neugieriger Blick auf Twitter bestätigt mir, wo ich diesen Neeley zu verorten habe, denn er retweetet z.B. einen Satz wie diesen: “In a land of freedom we are held hostage by the tyranny of political correctness.” Mal abgesehen davon, dass ich mich gefragt habe, ob es schon ein Godwin’s Law-Äquivalent für Vergleiche mit der NSA-Überwachung gibt, wundere ich mich angesichts dessen was für Meinungen er hier gegen vermeintlichen Konformismuszwang verteidigen will schon darüber, wer mir alles diesen Artikel in den letzten Tagen beipflichtend in die Timeline gepostet hat. Das war für mich denn auch der Anlass dafür, etwas dazu zu schreiben.

Martin Weigert hat sich als ein Beispiel für Opfer von Twitterstorms Pax Dickinson ausgesucht, damals noch Chief Technology Officer von Business Insider (was auch in seiner Twitterbio vermerkt war), und in dieser Position z.B. auch über Einstellungspolitik entscheidend. Dieser twitterte über Monate hinweg Dinge wie: In The Passion Of The Christ 2, Jesus gets raped by a pack of niggers. It’s his own fault for dressing like a whore though.” oder aw, you can’t feed your family on minimum wage? well who told you to start a fucking family when your skills are only worth minimum wage?” oder A man who argues on behalf of feminism is a tragic figure of irony, like a Jewish Nazi.”  oder den Tweet, der dann eine Lawine von Retweets und Protestreplies ins Rollen brachte: feminism in tech remains the champion topic for my block list. my finger is getting tired.” Kurz darauf wurde er gefeuert, weil BI das zu viel Negativwerbung war. Ein anderes Beispiel Weigerts ist der Fall von Justine Sacco. Die Frau, die einen hochrangigen PR Job hatte, twitterte: “Going to Africa. Hope I don’t get AIDS. Just kidding. I’m white!” Sie war am nächsten Tag ihren Job los, ihren Account hat sie gelöscht.

Von diesen Beispielen ausgehend fordert Martin Weigert mehr Empathie und Entschleunigung von den KritikerInnen dieser Tweets: Sie sollten doch erst mal durchatmen bevor sie auf sowas reagieren. Nun, ich fände es angebrachter, wenn er diesen Ratschlag Leuten wie Dickinson und Sacco gäbe. Ich finde es schade, dass so aus einem aktuellen interessanten Thema bei Weigert letztlich bloß wieder mal das Aufwärmen vom guten alten “Das wird man doch wohl mal sagen dürfen!” wurde. Protecting hate speech, yay. Es sind wieder mal die Stimmen der ‘Anderen’, die im Konsens des Mainstreams stören. Pardon, aber es hat halt wirklich so ganz und gar nichts mit Konformismus zu tun, wenn ich mir vor dem Posten überlege, ob das was ich schreibe, sexistisch oder rassistisch ist. Eher mit… ähem… Empathie?

Es mag für Privilegierte ungewohnt sein, dass sie im Internet nicht immer so konsequenzlos sexistisch und rassistisch sein können wie im Gespräch unter Vertrauten oder im Beruf, aber mein Mitleid hält sich da ähnlich in Grenzen wie wenn sich jemand über Konformitätszwang beschwert, weil alle dauernd Katzenbilder posten. Grundlegend ist es erst mal eine schöne Seite des Internets, dass in Blogs oder Social Networks diejenigen, die sonst z.B. im Job ständig aus Furcht selbigen zu verlieren ihren Mund zu Diskriminierungen halten müssen, sich trauen können auch mal dagegen zu protestieren. Und auch mal die Möglichkeit haben lautstark die Mehrheit zu sein, die Hatespeech ein Konter bietet. Und eines kann ja anscheinend dieser Tage wieder mal nicht genug betont werden: Meinungsfreiheit ist nicht die Freiheit von Konsequenzen aus dem Äußern der Meinung.

Es ist ja auch letztlich nicht die Angst vor den Äußerungen anderer User, die den ‘Konformismuszwang’ ausmacht, au contraire, denen sind solche Leute wie Dickinson ja eher gewohnt vor den Latz zu knallen, dass sie einfach keinen Humor hätten. Und dass Jim Knopf nun mal schwarz sei. Es ist die Angst vor Konsequenzen z.B. im Berufsleben. Pech für die, die einen Ruf zu verlieren haben. Oder an Sacco angelehnt: “Going on Twitter. Hope I don’t get fired. Just kidding. I’m self-employed!” (Jon Henke). Weigert jedenfalls scheint auch gar nicht Konformismusdruck an sich zu interessieren, sonst hätte er auch ein gelungeneres Beispiel wählen können, z.B. wie manche Frauen im Netz nur weil sie für Gleichberechtigung eintreten, mit Vergewaltigungs- und Morddrohungen überschwemmt wurden und werden. Genauso wenig geht es Weigert anscheinend um das Thema der Bedrohung der freien Meinungsäußerung im Netz, denn dann hätte er auch Beispiele anführen können wie das Twitter Joke Trial  oder das des englischen Studenten, der wegen eines Twitterscherzes über “diggin’ up Marilyn Monroe” und “destroying” America deportiert wurde, um nur zwei zu nennen, die mir auf die Schnelle einfallen, und in denen es nicht andere User sind, die zum ‘Konformismus’ zwingen, sondern staatliche Behörden. Ich finde ‘Konformismus’ in diesem Artikel auch eher einen problematischen Begriff, weil er den Verzicht auf Hatespeech negativ auflädt, ebenso wie ‘Meinungsfreiheit’ ein zynischer Begriff ist um Rassismus und Sexismus zu verteidigen.

Aber noch mal zurück: In Echtzeit auf Twitter mitverfolgen zu können, wie Pax Dickinson dank massiver Kritik an seinen Hass-Tweets seinen Job verlor, fand ich gleichermaßen erschreckend und befriedigend. Erschreckend, weil es einfach ungewohnt ist, dass öffentlich mitbeobachtet werden kann, wie jemand für seine Bemerkungen zur Rechenschaft gezogen wird, und das auch noch so schnell. Befriedigend, weil da jemand, der zum Problem für Frauen in der Technikbranche gehört, hier mal tatsächlich Konsequenzen zu spüren bekam, und das nur weil sich eine Gruppe von Menschen zusammentat, um die Hassäußerungen zu kritisieren. Und dann gleich noch mal auf einer anderen Ebene erschreckend: Erschreckend vor mir selber, dass ich das als gut empfand. Es ist bei so etwas ein feiner Grat zwischen solidarischem Zusammenschluss und Mobverhalten.

Dieses Mobverhalten ist ja eigentlich der Punkt, der kritisch angesprochen werden sollte. Dieses ist ebenso wie die Gier nach Sensationen im Netz auch nicht immer negativ behaftet, sondern wird bei sowas wie Hypes und viralem Content ja durchaus auch als positiv empfunden, und gerne von der Werbebranche oder von Nachrichtenmedien ausgenutzt. Dabei wird es auch als angemessenes Verhalten bestärkt: Sei es eine extraprovokative Clickbait-Schlagzeile die Fremdenhass schürt oder ein sexistische Grenzen überschreitender Werbeclip – in solchen Fällen soll der User ja dazu gebracht werden mit Klicks und Kommentaren die Auflagenstärke 2.0 zu steigern. Dass diese Mobmentalität und das schnelle (Über-)Reagieren und ebenso schnelle Vergessen im Netz aber auch ganz Unbeteiligte oder Unschuldige in Abgründe stürzen kann (hier drei Beispiele via @machinestarts 1, 2, 3) wird dabei genauso schnell vergessen. Das läuft alles auf so unbedarftem niedrigen Instinktlevel ab, das nichts aus solchen Beispielen gelernt wird und keine Konsequenzen bedacht werden. Einen Gedanken wert ist es auch, dass es sich hier nicht um internetspezifisches Verhalten handelt, denn Mobbing und Outing finden auch seit jeher außerhalb des Internets statt, aber da finden sich nicht so schnell so große (anonyme) Gruppen, die sich beteiligen, und es gibt eine andere Sensibilität für Dos und Don’ts und ‘ungeschriebene Gesetze’.

Im öffentlichen Bewusstsein wurde viel zu lange der Mythos des digitalen Dualismus gepflegt: der Mythos vom Internet als uneigentlichem virtuellen Raum, der mit dem ‘echten’ Leben’, das als eigentliche Realität begriffen wird, nicht so viel zu tun hat, und deshalb auch keine Konsequenzen darin findet. Es herrscht oft eine Unbeholfenheit beim Kommunizieren im Netz – ist es nun wie öffentliches Reden, ist es wie Lästern im Freundeskreis? Soziologische, kulturelle und ethische Gedanken im Bereich der technischen Erweiterungen unseres Lebens hinken oft hilflos dem Einfluss dieser hinterher. Verhaltensforschung im Netz ist meist eher an Ergebnissen und Themen interessiert, die sich für die Werbebranche nutzen lassen. In Medien werden solche Themen meist nur zu einem breiter diskutierten Thema, wenn sich was Spektakuläres ereignet. Wo vor einer Weile noch die Abgründe der Kommentarbereiche oder die Shitstorms als Zeichen der Apokalypse gefürchtet wurden, ist es jetzt das Public Shaming und die Mobmentalität auf Twitter. Vielleicht hat es ja wirklich Menschen stärker als angenommen geprägt, dass sie seit langem in fast allen Lebensbereichen einer hypersensationalistischen empathiearmen Medien- und Werbekultur ausgesetzt sind, und es erscheint ihnen die adäquate Art und Weise jetzt dort wo sie selbst ‘Nachrichten’ posten können, ähnlich zu verfahren. Gelernt ist gelernt. Ich hoffe ja, dass sich auch hierzulande bald mal mehr schlaue Leute aus nicht-rein-technischen Disziplinen tiefergehend damit beschäftigen, wie wir mit unserer technisch-erweiterten Realität so umgehen und was für Folgen das hat, und die das mal soziologisch auseinandernehmen, diskutieren und mit allen negativen und positiven Facetten für eine breite Öffentlichkeit verständlich aufzubereiten. Dann liefe das vielleicht auch nicht immer nur auf Glorifizierung oder Dämonisierung (so wie im Text von Weigert gleich das Ende der Meinungsfreiheit und Demokratie heraufbeschworen wird) hinaus.

Sexarbeit in TV Serien – Deadwood, Firefly und True Blood

btw-sexarbeitIn einem Text zum neuen Beyoncé Album schreibt die britische Feministin Laurie Penny im New Statesman:

 

“Mehr als alles andere ist Beyoncé eine Künstlerin des Marktes. Sie würde niemals ein Album veröffentlichen, für das ihr Publikum nicht in maßgeblicher Weise bereit ist, und die Mainstreamwelt, die Dance Pop hört, war hierfür bereit. Sie war bereit für ein Album über Feminismus und sexuelles Selbstvertrauen und eine Sorte Mitgefühl, dass dich auf deine Füße reißt und dich anfangen lässt Schönheitskultur zu kritisieren und dann durch die Straßen zu ziehen und Polizeiautos anzuzünden in einer irrsinnig glamourösen Version des Black Blocks.” (Übersetzung von mir)

Dass der Pop-Mainstream nichts herausbringt, von dem er nicht zu wissen glaubt, dass die breite Masse dafür bereit ist, lässt sich gewiss auch von der Welt der Fernsehserien auf HBO oder Fox sagen. Aus diesem Gedanken heraus fand ich es auch interessant, für die ‘Sexarbeit’-themed Dezembersendung von ‘Gender. So What?’ auf Radio Z ein Pop-Thema zu wählen, nämlich sich die Darstellung von Sexarbeit in ein paar TV-Serien ein bisschen näher anzugucken. (Das hier ist die Textversion des Radiobeitrags.) Dafür möchte ich zwei Bälle aufnehmen, die von der Frankfurter Allgemeinen und dem Missy Magazine aufgeschlagen wurden: Sexarbeit in ‘Deadwood’ und ‘Firefly’.

In der FAZ stellt Volker Zastrow seinen Standpunkt klar: “Prostitution ist ein anachronistischer Überrest der Unterdrückung von Frauen. Sie ist Missbrauch, dem man nicht zu Leibe rücken kann, indem man ihn umtextet, rhetorisch normalisiert.” Zur Verbildlichung zieht er die HBO-Serie ‘DEADWOOD’ heran.

Es ist die Geschichte der Goldgräberstadt Deadwood in den 1870er Jahren, als es vom Goldgräbercamp zur Stadt wuchs. Die Hauptidee der Serie ist laut Produzent David Milch das Entstehen einer Gesellschaft aus dem Chaos heraus indem sie sich um ein Symbol herum (in der Serie ist das das Gold) organisiert. Darum werden verschiedene Themen, neben Prostitution und Frauenfeindlichkeit auch Einwanderung, Rassenhass, Drogen und die Entstehung des amerikanischen Kapitalismus angerissen. Es ist eine Western-Serie, die recht unverschönt Geschichte aus der Perspektive von Losern schreibt, voller Dreck und Gewalt.

Zu den Verliererinnen dieser Ära gehören die Prostituierten, die zentrale Rollen in der Serie einnehmen. Sie sind nicht die strahlenden Federboaschönheiten, die wir aus traditionellen Western kennen, sondern sind schmutzige, gelangweilte Frauen, denen Gewalt widerfahren ist und die wissen, dass ihnen weiterhin jederzeit Gewalt zugefügt werden kann. Keine Spur von Glamour, keine Spur von freiwillig gewähltem Job, nein, eher eine Geworfenheit in ein Schicksal, das durch die Position in der Gesellschaft quasi vorgezeichnet ist. Die Frauen des Gem, eines der Deadwood Bordelle, wurden von dessen Besitzer aus einem Waisenhaus abgekauft, in dem er selbst als Sohn einer Prostituierten aufgewachsen war. Mit Joanie und Trixie gibt es gleich mehrere Sexarbeiterinnenfiguren, die als eigenständige Charaktere in Deadwood tragende Rollen einnehmen. Es gibt Selbstermächtigungsversuche, aber Joanies Versuch ein eigenes Bordell aufzumachen scheitert ebenso wie Trixies Schritt in einen Job jenseits der Sexarbeit. In der FAZ hält es Sarkow für ein Argument, dass sich in der Rezeption der Serie über die Rollen der Frauen aufgeregt wurde:

“Es wurde ja nicht nur die Entrechtung von Frauen in Szene gesetzt, sondern auch die von Chinesen, Schwarzen, von Behinderten, von Grubenarbeitern. Niemand in Deadwood ist vor Gewalt sicher, die Ermordeten, denen man kein Begräbnis gönnt, werden den Schweinen zum Fraß vorgeworfen, die Verbrechen bleiben ungesühnt. Auch darüber hätte man sich aufregen können. Tat aber keiner. Vielleicht, weil es vorbei ist. Die Unterdrückten sind frei. Die Menschenrechte sind garantiert. Es gibt diese Greuel nicht mehr. Bis auf die Prostitution.”

Davon abgesehen, dass ich das insgesamt für etwas naiv halte, weil ‘Prostitution’ in der Form von Menschenhandel und Vergewaltigung gewiss nicht das einzige in Deadwood angerissene Greuel ist, dass noch gibt, ist mir wichtig, dass er bei all seiner Aufregung über Prostitution als unmoralischer frauenfeindlicher Akt per se die Selbstermächtigungsakte der beiden von mir erwähnten Figuren übersieht. Es lässt sich durchaus sagen, dass Sexarbeit, der Frauen selbstbestimmt nachgehen, in Deadwood in Form eines von Frauen selbstgeführten selbstgewählten Bordells durchaus als möglicher positiver Ausweg vorgestellt wird. Ein Ausweg der aber – und darin, das in aller Brutalität auszuführen ist DEADWOOD wirklich großartig – ein Ausweg, der aber nicht funktionieren kann, solange die Ideologie und die herrschenden Verhältnisse der Gesellschaft sich nicht ändern. Das ist nämlich er eigentliche Punkt, der bei DEADWOOD gemacht wird: Nicht, dass Sexarbeit ausschließlich Menschenhandel und Vergewaltigung bedeutet, sondern dass selbstbestimmte Sexarbeit an der Form der Gesellschaft wie sie in DEADWOOD dargestellt wird, nicht möglich ist.

Die Redaktion des Missy Magazine hatte die schlagfertige Idee in einem Gegenartikel zu Zastrow eine andere TV Serie wegen ihrer Darstellung der Sexarbeit heranzuziehen: FIREFLY.

FIREFLY spielt in der Zukunft, 2517 um genau zu sein, und es ist ein Space Western, eine Science Fiction Utopie, in der ganz pioniersmäßig die Menschen ein neues Sternensystem besiedeln. Die Hauptfiguren stehen auf der VerliererInnenseite eines Bürgerkriegs, und führen ein Leben außerhalb der Gesellschaft, die aus der Allianz besteht, einer Supermacht, die westliche und fernöstliche Kultur vereint. Sie überleben mit Schmuggeldiensten auf einem Raumschiff namens Serenity, dass der Firefly-Klasse angehört – daher der Serienname. In dieser Serie gibt es eine Figur die sowas wie eine ideale Form der Sexarbeit praktiziert: Inara Serra, ein ‘Companion’. Die Missy schreibt:

Warum wurde „Firefly” damals als feministische Serie gefeiert? Schließlich zeigte Joss Whedon Frauen darin nicht nur als Wissenschaftlerinnen oder Waffenspezialistinnen, sondern auch als Prostituierte. Vielleicht lag es daran, dass die „Companions”, wie SexarbeiterInnen in „Firefly” heißen, keine unterdrückten und misshandelten Frauen waren. Sondern angesehene hochausgebildete Expertinnen, die unter anderem auch in Schwertkampf, Kalligraphie und Psychologie glänzen mussten. Die die Regeln ihrer Arbeit selbst bestimmten – etwa, welche Klienten sie annehmen wollten. Prostitution, wie sie auf der vormaligen Erde existierte, war längst abgeschafft, ersetzt von der staatlich anerkannten „Companion’s Guild”, die ihre eigenen Regeln schuf. So durfte kein Haus je von einem Mann geleitet werden, die Ausbildung in den einzelnen Häusern war umfassend geregelt und beinhaltete Tanz und musische Bildung ebenso wie akademische Fächer. Frauen wie Männer wurden hier ausgebildet, Frauen wie Männer bedienten KlientInnen beiden Geschlechts. Wer ein Mitglied der Gilde je respektlos behandelte, wurde für immer auf eine schwarze Liste gesetzt und könnte nie wieder die Dienste einer Companion in Anspruch nehmen.

So lässt sich über FIREFLY festhalten, dass hier eine Form der Sexarbeit in einer zukünftigen ‘besseren’ Gesellschaft entworfen wird, die das Argument von GegnerInnen, dass Prostitution immer frauenfeindlich und menschenunwürdig sei, entkräftet und damit auch die Trennung zwischen Menschenhandel und Sexarbeit in ihrer Wichtigkeit unterstreicht.

Ich möchte noch ein drittes Beispiel nennen, wie Sexarbeit in einer aktuellen TV Serie dargestellt wird, und zwar in TRUE BLOOD, einer Serie in der Vampire sich durch Massenproduktion von künstlich hergestelltem Menschenblut outen können und für ihre Gleichberechtigung als Teil der Gesellschaft eintreten. In der Rezeption wird das gern als Anspielung auf den Kampf um LGBT*-Rechte gesehen, nicht zuletzt weil die Serie auch Wortspiele aus dem LGBT*-Kontext verwendet, z.B. wird dort aus dem christlich-homophoben ‘God Hates Fags'(‘Gott hasst Schwuchteln’)-Spruch hier ‘God Hates Fangs’ (‘Gott hast Fangzähne’) wird, oder ‘breeder’ (Brüter als Ausdruck für Heteros) zu ‘breather’ (also: die Atmenden).

Ein Vampir, die im Laufe der Serie von einer Neben- zu einer Hauptfigur wird, ist Pam, Pamela Swynford De Beaufort. Bevor sie zum Vampir wurde, war sie Mitte des 18. Jahrhunderts Bordellchefin in San Francisco. Im Gegensatz zu den Menschen in DEADWOOD, denen kein Ausweg aus ihren Klassen und kaum einer aus ihren Geschlechterrollen möglich ist, kam Pam nicht aus einer Zwangslage heraus zur Sexarbeit. Im Gegenteil: Pam wuchs als Kind wohlhabender Eltern auf und langweilte sich in der höheren Gesellschaft. Sie hatte zahllose Affären, und als bisexuelle Femme die ihre Sexualität frei und ungehemmt ausleben wollte, führte ihr Weg zwangsweise aus der lustfeindlichen höheren Gesellschaft hinaus. Sie wurde Bordellchefin. Auch ihre Entscheidung Vampir zu werden war selbstbestimmt: Sie schlitzte sich die Pulsadern auf und stellte damit einen Vampir, mit dem sie eine Freundschaft verband, vor die Wahl sie sterben zu lassen oder zum Vampir zu machen. In ihrem Vampirleben lernen wir sie in der quasi-Gegenwart dann als Besitzerin von Fangtasia kennen, eines Nachtclubs, einem erotisch-aufgeladenen Treffpunkt für Vampire und Menschen, die sich zu Vampiren hingezogen fühlen: ‘Fangbangers’, wie sie moralisch abwertend von der konservativeren Bevölkerung genannt werden.

Ein weiterer Charakter in True Blood bedient sich zeitweise der Sexarbeit: LaFayette, schwuler Koch, Medium und Drogendealer, verdient nebenbei auch noch durch Sex und eine Sexcam-Website Geld, mit dem er u.a. für die Kosten der Klinik für seine Mutter aufkommt. Die Droge, die er vercheckt, ist Vampirblut, das Menschen in kleinen Dosen high macht, und das er im Tausch gegen sexuelle Dienste von einem Vampir bekommt. Wie Pam im 18. Jahrhundert als Frau, die ihre Sexualität offen auslebt, zur gesellschaftlichen Außenseiterin wird, wird LaFayette es in einer Südstaaten-Kleinstadt der Gegenwart durch seine offen ausgelebte Homosexualität. Beide sind also schon bevor sie zur Sexarbeit kommen gesellschaftliche Outlaws, wodurch sich beide aber keineswegs in eine Opferrolle drängen lassen, sondern der Stigmatisierung durch die Gesellschaft eher ein “Fuck You” entgegenwerfen. Sie werden beide als starke charismatische und leidenschaftliche Charaktere skizziert, sowohl was das selbstbewusste Ausleben ihrer Sexualität anbelangt, als auch das Eintreten für Menschen, die ihnen nahestehen; und beide zeichnen sich durch eine großartige Prise schlagfertigen schwarzen Humors aus. Die Sexarbeit wird hier als freiwillig eingegangener Handel dargestellt, bei dem sie selbstbestimmt agieren und selbst entscheiden mit wem sie was tun.

Soweit diese kurz angerissenen drei Beispiele, in denen sich bei genauerer Betrachtung verschiedene Ansätze zur Verbesserung oder Idealvorstellungen davon finden, wie die Bedingungen für Sexarbeit aussehen könnten oder was falsch läuft. Bei Deadwood, in einer historischen Annäherung, scheitern die Ansätze an den brutalen patriarchalisch-kapitalistischen Verhältnissen. Bei Firefly, in einer Zukunft in einer anderen Galaxie, bekommen wir utopische gesellschaftliche Verhältnisse vorgestellt, in denen Sexarbeit sogar als relativ hoch angesehener Job gilt, der nicht nur auf die sexuell-körperliche Ebene reduziert wird, sondern zu dem auch eine psychologisch-betreuende Ebene gehört. Bei True Blood, in einer parallelen Fantasy-Gegenwart bekommen wir die Sexarbeit als etwas präsentiert, das selbstbestimmt ausgeübt werden kann. Das Problem kann hier eher in der Stigmatisierung des Auslebens von nicht-heteronormativen Sexualvorstellungen gesehen werden, das die Betroffenen gesellschaftlich ausgrenzt und dadurch automatisch in die Nähe eines kriminalisierten Milieus rückt.

Abschließend möchte ich noch einen Punkt ansprechen, an dem sich die derzeitige Diskussion um Sexarbeit gern aufhängt: Die Frage nach der Freiwilligkeit, der freien Wahl als Kriterium. Diese hat in unseren drei Beispielen nur die Sexarbeiterin der Zukunft in einem utopischen Gesellschaftsentwurf. Deadwood zeigt letztlich wie nicht nur die Sexarbeiterinnen, sondern alle Menschen in einem hyper-patriarchal-kapitalistischen Umfeld Zwängen unterworfen sind, denen sie nicht entkommen. True Blood gibt uns Figuren, die durch ihre Sexualität bereits von den Moralvorstellungen der Gesellschaft in ein Außenseiterdasein gedrängt wurden, von dem aus der Schritt zur Sexarbeit kein großer mehr war. In keinem der Fälle träge ein Sexarbeits-Verbot zu einer Verbesserung der Situation der Betroffenen bei. In allen Fällen wird das deutlich, was wir bei der aktuellen Diskussion um die Sexarbeit nicht vergessen sollten: Die ‘freie’ Wahl gibt es nicht, sie ist immer an sozio-ökonomische Bedingungen gekoppelt. Diese sozio-ökonomischem Bedingungen zu verbessern sollte also, wenn wir uns auf den Weg zu einer Utopie machen wollen, statt einer partiellen Verbotskultur unser großes Anliegen sein.

Queer Ally For The Straight GQ – mein Problem mit der #Mundpropaganda Kampagne

(via many-sexuals-so-edgi-wow tumblr)

via many-sexuals-so-edgi-wow tumblr

Vor ein paar Tagen hat das deutsche GQ Magazin eine Kampagne namens ‘Mundpropaganda‘ gestartet. Es handelt sich dabei um eine Fotoserie von sich küssenden männlichen Hetero-Berühmtheiten. Viele meiner schwulen Freunde scheinen die Kampagne zu mögen. Manche weil sie es sexy finden. Manche weil sie sie als Verbündete empfinden. Wie so oft werde ich mal wieder die Spielverderberin sein.
Lasst mich einen Satz aus dem GQ Editorial herauspicken um zu erklären warum:

“Sich küssende Heteros – dieser Mut ist absolut männlich.”

Dieser Satz sollte es klar machen: Dies ist kein GQ-Willkommensgruß für Schwule sondern es geht bei der Aktion um gefakte gleichgeschlechtliche Küsse als heroischer Akt von heterosexuellen Männern. Vielleicht war die Intention eine andere, oder vielleicht zielt GQ darauf ab, Schwule als Zielgruppe einzukassieren ohne tatsächlicher schwuler Sexualiät Raum zu geben, oder sie wollten einfach bloß eine medienwirksame rührselige soziale Konflikt-Sache für die Weihnachtsausgabe haben. Mir ist die Intention herzlich egal, für mich zählt das Resultat.

Dass sie es zu einem Hauptstatement der Aktion gemacht haben dass es Männer Mut kostet einander zu küssen ist das ‘No Homo’ dieser Kampagne. Auf den ersten Blick mögen die Bilder erotisch erscheinen, aber die sie umgebenden Texte und der ‘Making Of’ Clip tragen die deutliche Botschaft: “Es ist echt hart für uns, das zu tun, aber wir haben unseren Ekel überwunden um Solidarität mit euch zu zeigen – sind wir nicht toll?” Es wird so explizit betont, dass die Küsse fake, also falsch, unecht sind, dass es diese Küsse selbst des bloßen Schattens von schwulem Verlangen beraubt. Die Interviews sind dazu da, dass die Küssenden sagen können, wie schwer es für sie war, in dieser Art solidarisch zu sein und dass sie viel lieber Frauen küssen. Der ‘Making Of’ Clip zeigt wie manche von ihnen vor Lachen halb zusammenbrechen als sie versuchen sich zu küssen, usw. Partiell ist das ganze gefährlich nah dran schwule Sexualität als abstoßend und unnatürlich zu redämonisieren, egal ob sie eigentlich das Gegenteil bewirken wollten. Umgeben von all diesem Gerede über die Gefaktheit werden die eigentlichen Bilder zu einem zutiefst desexualisiertem Bro-Ding. Dadurch trägt der Kuss letztlich mehr dazu bei, die Heterosexualität der Küssenden zu reaffirmieren als tatsächlich der homoerotische Protest zu sein, den sie erzeugen wollten. (Für mehr zu diesem Phänomen empfehle ich “Bro-Porn: Heterosexualizing Straight Men’s Anti-Homophobia”, von Tristan Bridges und C.J. Pascoe).

Ich weiß nicht, ob GQ die Idee von der tatsächlich existierenden kreativen Protestform der queer Kiss-Ins hat. Da sind oft ‘straight allies’ (‘heterosexuelle Verbündete’ klingt nicht so schön, also belass ich’s lieber beim englischen Begriff; ebenso wie beim Titel dieses Beitrags sehe ich da keinen Sinn in einer Übersetzung) dabei. Es ist nicht so, dass es für gleichgeschlechtliche Heterosexuelle, grundsätzlich immer eine schlechte Idee ist, als Protest gegen Homophobie miteinander rumzuknutschen, aber wenn sie dabei sofort auch markieren, dass sie nicht wirklich homosexuell sind, dann ist das ein klares Zeichen dafür, dass hier gleichgeschlechtliches Verlangen nicht respektiert oder gar sich darüber lustig gemacht wird. Außerdem könnte es kontraproduktiv sein, es zu nur zu tun um von queeren Leuten Applaus zu bekommen.

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via pourmecoffee twitter

Ich versuche mal, nicht nur zu rumzukritisieren, sondern auch ein wenig Queer Ally For The Straight GQ zu spielen: Wie hätte diese Kampagne aussehen müssen, damit sie mir taugt? Im besten Fall hätte sie sich um queer-inklusives sexy Küssen gedreht, und mit ‘queer’ meine ich: alle Geschlechter und sexuellen Orientierungen. So dass Leute die Bilder ansehen und keinen Unterschied festmachen können, sondern als Eindruck nur das Küssen als süßer sinnlicher erotischer Akt zwischen allen möglichen Menschen bleibt. Wenn ihr es auf ‘Fake-Küssen’ einschränken müsst, warum dann nicht auch eine lesbische Frau die einen schwulen Mann küsst neben diesen Heterotypen abbilden? Wenn ihr keine Frauen mit reinnehmen wollt, weil es ein ‘Gentlemen’s’ Magazin ist, warum nicht wenigstens schwule oder Trans*-Männer unter die Heteromänner mischen? Das absolute Minimum aber wäre gewesen: Wenn ihr nur Heteromänner dafür zeigt, dann markiert sie NICHT auch noch als solche.
Um es in Celebrities auszudrücken: Es ist ein wenig wie der Unterschied zwischen George Clooney und Jake Gyllenhaal. Beide wurden oft gefragt, ob sie schwul seien, beide sprechen nicht gern über ihr Privatleben. Gyllenhaal macht es aber sehr klar, dass er nicht schwul ist und fügt noch eine ‘Titten und Ärsche’ Bemerkung hinterher, in einem nicht ganz so schönen ‘echte Männer sind sexistisch’ Beweis. Clooney dagegen sagt, er würde niemals behaupten nicht schwul zu sein, weil er damit Schwulsein als etwas kennzeichnen würde, von dem er das Bedürfnis hätte sich zu distanzieren, etwas Negatives, und das fände er nicht respektvoll der Gay Community gegenüber. In diesem (zugegebenermaßen ziemlich-hinkenden aber Clooney-in-einen-Blogpost-einzubauen-schadet-nie) Vergleich steht die ‘Mundpropaganda’ Kampagne ganz offensichtlich viel weiter auf der Gyllenhaal-Seite der Dinge.

mackle-gentrification

GENTRIFICATION IS REAL via sophfierce twitter

Anderer Kerl, ähnliche Sache: Macklemore. Ich habe erst so richtig realisiert wie wenig ich den großen Macklemore Hit ‘Same Love’ ausstehen kann, als ich hörte, wie Angel Haze den Song für sich eroberte:

Ihre Version (hier die Lyrics) ist um so vieles ermächtigender. Manche Versuche ein Straight Ally zu sein lassen keinen Raum in dem tatsächlich homosexuelle Menschen gehört werden könnten. Sie können Queers auf die Position verdammen, die sich engagierenden Heteros aus der Ferne zu begehren und/oder ihnen zu applaudieren für… – nun ja, im GQ Fall, wenn du drüber nachdenkst: letztlich dafür öffentlich hetero-männliche Abscheu vor männlich-gleichgeschlechtlichem Küssen auf’s neue festzuzementieren. Wenn ein oft übelst homophobes Blatt wie die BILD auf meiner Seite ist, oder der Playboy sich mit dem Posten eines misogyn-lesbophoben Bildes zweier sich offensichtlich für den männlichen Blick küssenden Frauen kontert, und beides freudig auf der GQ Website als Zeichen dafür geteilt wird, wie gut die Kampagne läuft, dann zeigt (gentle)man ja ziemlich deutlich, wie unwichtig ihm die Positionierung gegen Diskriminierung wirklich ist.

In “Why We Should Care How Straight Allies Benefit From Their Support” fragen Tristan Bridges und C.J. Pascoe:

Wieviel Anerkennung verdient Macklemore für sein Coming Out als Straight Ally? (Und er lässt uns wissen, dass er hetero ist, erwähnt es zu Anfang des Songs, dass er schon immer Mädchen geliebt hat.)” [Übersetzung von mir]

Sie vergleichen die Situation mit dem ‘Wirtschaftssystem der Dankbarkeit’ (‘economy of gratitude’), das es oft bei Heteropärchen gibt:

In ihrer Untersuchung fand (Ariel) Hochschild heraus, dass Ehemännern oft mehr Dankbarkeit für das Mitmachen bei Hausarbeit entgegengebracht wurde als Frauen. Das heißt, bei Männern wurde sich subtil – aber systematisch – für ihre Hausarbeit ‘über-bedankt’ und das in einer Weise, die ihren Ehefrauen nicht zuteil wurde. Dieser einfache Fakt, argumentierte Hochschild, war viel folgenschwerer als es zunächst erscheinen mochte. Es war ein indirekter Weg Männer symbolisch darüber zu informieren dass sie sich an einer Arbeit beteiligten, die von ihnen nicht verlangt wurde. Tatsächlich haben wir eine ganze Sprache für die Teilnahme von Männern an Hausarbeit, die Hochschilds Ergebnisse bestätigt. Wenn Männer etwas übernehmen, sagen wir, dass sie ‘aushelfen’, ‘einspringen’ oder ‘babysitten’. Diese Begriffe erkennen ihre Arbeit an, aber rahmen gleichzeitig ihre Teilnahme als ein ‘Extra’ ein – eher als eine fürsorgliche Geste als eine Verpflichtung.

Wir würden sagen, dass etwas ähnliches mit männlichen Straight Allies passiert. Wir alle sind daran beteiligt, die Arbeit an der Gleichheit so zu definieren als wäre sie nicht ihre Sache, indem wir ihnen zuviel Dankbarkeit erweisen, genauso wie Hausarbeit als ‘keine Männerarbeit’ definiert wird. Indem wir diese ‘mutigen’ Männer in Machtpositionen (racial, sexual, gendered, und machmal auch classed) für ihre Anerkennung loben, sagen wir zu ihnen und zu anderen: Das ist nicht euer Job, also danke, dass ihr in Sachen Gleichheit ‘aushelft’.
[Übersetzung von mir]

Tristan Bridges und C.J. Pascoe schließen daraus warnend:

Lasst uns nicht Anti-Homophobie zum Äquivalent von ‘Babysitting’ für Väter und Aktivismus zur de facto ‘zweiten Schicht’ für marginalisierte Leute machen. Die Bewegung für Gleichheit sollte in der Verantwortung aller liegen und ein Auftrag für alle sein.

Ein weiterer Punkt, der mir bei dieser Kampagne in den Kopf kam, ist dass GQ indem sie so eine Kampagne auf die Schwulen-Community mitausrichten zu einer bereits existierenden Kluft zwischen Schwulen und Lesben beitragen. In der Welt von GQ, einem Männermagazin, das für eine stylishe Sorte Frauenfeindlichkeit steht, die mich ein wenig an old school James Bond erinnert, existieren Heterofrauen fast ausschließlich als das fickbare Andere und lesbische Frauen existieren eigentlich gar nicht.

Ich folgte einem Twitterlink zu einer anderen GQ Story, die inzwischen gelöscht wurde: Eine Geschichte, in der ein Mann uns erzählt, dass er die Sorte Kerl ist, der jede Frau kriegen kann und sich deshalb als neue Herausforderung vornimmt, eine Lesbe zum Hetero zu bekehren. Das gelingt ihm dann wohl auch vier Seiten später. (Ich hab nur den Anfang überflogen und das war ganz und gar so wie du es dir vorstellst: Frauenfeindlich, Stereotypen davon wie Lesben aussehen, und der Anspruch dass Lesben nur Heterofrauen seien, die noch nicht von Mr. Right gefickt worden sind.) Als die ersten Zeichen eines Social Media Shitstorms aufkamen, nahm GQ diese Geschichte vom Netz, und zwar mit dem Argument sie sei schon älter und würde nicht mehr ihre Einstellung repräsentieren. Inzwischen haben sie sogar ein Interview mit der lesbischen Aktivistin Yelena Goltsman online. PR Disaster vermieden? Scheint so.

Natürlich ist die GQ Kampagne nicht in erster Linie eine Werbekampagne für das Magazin, aber die Übergänge sind dieser Tage fließend und ich sehe Parallelen zu einem gewissen Typ von Werbung, die Sozialkritik benutzt. Nimm zum Beispiel die #whipit Pantene Werbung, die sich um geschlechterspezifische Doppelmoral dreht:

Die Botschaft ist: “Don’t let labels hold you back. Be strong and shine.” Nun, so lange das nicht auf die Art von ‘shining’ anspielt, die mit Frauen zu tun hat, die Jack-Nicholson-mäßig mit einer Axt hinter den Labels her sind, die sie zurückhalten, kann ich nicht wirklich sehen, wie ‘Glänzen’ gegen geschlechterspezifische Doppelmoral helfen soll. Einer der Kommentare auf youtube oder facebook dazu war: “Verkaufe dein Produkt indem du deinen angestrebten Markt davon überzeugst, dass du mehr darin investierst zu gefühlsmäßig aufgeladenen, global relevanten (…) Problemen etwas beizutragen, als darin für dein Produkt Werbung zu machen.”
Oder nehmt die ‘Beauty Sketches’ Dove Werbung, ein echter Tränendrüsendrücker:

Beachte dabei, dass Dove genauso wie Axe Teil von Unilever ist, was ein recht nettes Konzept ergibt: Zerstöre die Egos von Frauen mit Axe-Werbung und bau sie dann mit Dove-Werbung wieder auf. Ein Erfolgsrezept seit vielen Jahren. Ich glaube, es ist recht einfach zu sehen, wie der Aspekt der Sozialkritik durch solche Kontexte der Bedeutung entleert oder sogar lächerlich gemacht wird.
Genauso ist bei ‘Mundpropaganda’. Stell es dir als auf Viralität hin produzierte Kampagne vor ein Männer-Lifestyle-Magazin zu verkaufen. An Männer, die Gay Rights unterstützen und an Schwule, aber möglichst ohne die konservativen Heteromänner unter der Leserschaft zu vergraulen.
Wenn sie über Homophobie schreiben, schaffen sie es irgendwie Frauen dabei völlig rauszuschreiben, einfach indem über sie nicht geredet wird. Sie sprechen über Homophobie als beträfe diese nicht auch Frauen und TI*-Leute. Lasst uns auch nicht vergessen, dass es die Sorte Magazin ist, die auf einen gewissen Typ von Mann zielt: Maskulin, selbstsicher, erfolgreich, stylish. Nicht-so-maskulin aussehende, sich benehmende, denkende Männer oder Trans*-Männer sind nicht Teil der GQ Welt. Diese ist so unqueer wie’s nur geht: Eindimensionale heterosexuelle Maskulinität.

Das findet Anklang bei bzw wird sogar als Idealbild von manchen schwulen Männern angestrebt, nicht zuletzt weil das negative Stigmatisieren von ‘schwul’ mit Weiblichkeit verbunden ist. ‘Schwul’ als Schimpfwort kann meist einfach ‘wie ein Mädchen’ ausgetauscht werden. Das Stereotyp des ‘weibischen’ Schwulen ist etwas, womit viele schwule Männer fürchten verglichen zu werden, und vielleicht sind die Fitnessstudio-besessene Muskelschwulenszene ebenso wie die heteronorm-angepassten konservativen Schwulen auch eine Reaktion auf diese Art von Homophobie.
Queere Menschen gibt es aber nun mal in allen Formen und Größen und Farben und aus allen Klassen. Das war eine Stärke der Queer Community und sollte es auch bleiben. Kampagnen wie ‘Mundpropaganda’ können die Kluft zwischen erfolgreichen weißen Männern und dem Rest der LGBTBI* Community vertiefen. Wie Mykki Blanco sagte: “Homophobie kommt von Misogynie, dem Hass auf Frauen. Wenn du die Verbindung zwischen Homophobie und Frauenhass nicht siehst, bist du blind.”
Also, meine lieben egal-wie-auch-immer-sich-als-männlich-definierenden Brüder, wenn GQ sagt, “dieser Mut ist absolut männlich” bitteschön hört auf brav die Fotos dieser Heterotypen anzusabbern, sondern sagt stattdessen: “Suck my left one! Jede queer-feministische Lady da draußen hat mehr Mut gezeigt und mehr zu meinen Gay Rights beigetragen als eure sich-selbst-auf-die-Schultern-klopfende hetero-exklusive Kampagne!”