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Fight For Your Right To Party! Oder so.

In einem Artikel in der NZ über erhöhte Polizeipräsenz wegen wochenends alkoholisierten Leuten am Bahnhof stieß ich heute auf folgenden Abschnitt:

“Sogar junge Frauen zaubern am Ende der Disco-Nacht Wodka-Flaschen aus den hellgrauen Metallkästen, während sie Stilettos gegen Ballerinas tauschen. Ein Alkoholverbot wäre also kaum durchsetzbar.

Die „Mädels“ bringen sich dabei in erhebliche Gefahr. Mit Röckchen, die kaum die Unterwäsche bedecken, staksen junge Disco-Queens auf ellenlangen Absätzen über den grauen Bahnhofssteinboden. Vor dem Eingang von McDonald’s kann sich eine etwa 18-Jährige kaum mehr auf den Beinen halten. Ihr stämmiger Begleiter wuchtet die schwarz gekleidete Frau auf seine Schultern und stapft davon in Richtung Mittelhalle.”

Was soll uns das sagen? Wenn sie sich sexy kleiden und betrinken, bringen Frauen sich selbst in Gefahr? Gut, wenn dann ein starker Mann wie im Textbeispiel da ist, um sie zu retten?

Tilmann Grewe behauptet hier ganz unverblümt, dass Frauen sich ‘in Gefahr’ bringen, wenn sie sich sexy kleiden und sich betrinken.  Die Überbetonung der sexy Kleidung (gerade Formulierungen wie “Röckchen, die kaum die Unterwäsche bedecken”), macht deutlich, dass er die Gefahr sexueller Übergriffe meint. Während er die Frauen personifiziert, benennt er dies jedoch nicht mit Tätern, sondern belässt die ‘Gefahr’ als ein vages Etwas, das im Raum schwebt.  Dadurch, also indem er sie nicht genauso klar als ‘betrunkene, potentielle sexuell übergriffige Männer’ beschreibt wie er alle knappbekleideten betrunkenen Frauen als potentielle selbstverschuldete Opfer darstellt, suggeriert der Autor, dass ‘die Gefahr’ etwas unvermeidbar Vorhandenes ist, vor dem sich die Frauen in acht zu nehmen haben. Und genau dadurch nimmt der Autor hier implizit die potentiellen Täter in Schutz. Genau dadurch pflegt er hier die Vorstellung, dass der alkoholisierte Vergewaltiger “doch nur die Kontrolle verloren hat, weil die Frau so aufreizend war, sie hätte halt deutlicher zeigen müssen, dass sie’s nicht will”. Wie eine Naturgewalt. Das ist halt so.

Sorry aber: Fuck you, NZ!

Ja, Frauen nehmen sich im Jahre 2011 das Recht heraus, sich genauso mal zu betrinken wie Männer und sich gehen zu lassen und einfach Spaß zu haben, und das ist gut so!
Und genausosowenig wie die Wahl ihrer Kleidung macht sie ihre Trunkenheit automatisch zu potentiellen Opfern und Mitschuldigen!

Fight for your right to party! Oder so.

Bisschen off topic, aber zeigt, dass der Zusammenhang zwischen Wort und Tat viel deutlicher ist, als viele es wahrhaben wollen, und ein sexistischer Spruch nicht einfach nur als Späßchen abgetan werden sollte, ‘das doch nicht so gemeint war’: Diese Woche hat im Netz eine Untersuchung von Psychologen der University of Surrey und der Middlesex University die Runde gemacht, die der Sprache von Männermagazinen (und so weit davon weg ist ein Grewe in manchen Sätzen seines NZ Artikels nicht) mit den Kommentaren, die verurteilte Vergewaltiger über Frauen abgeben, verglichen. Das Ergebnis war, dass so gut wie alle, die an der Studie teilnahmen, keinen Unterschied festmachen konnten. Den ‘Test’ könnt ihr in dem Artikel anhand von ein paar Beispielen auch selbst machen. Misogynie wird auch durch Sprache weiterverbreitet und ‘nicht so gemeint’ ist keine Ausrede. Please watch your pen and mouth as they might be weapons.

Noch mal zurück zum beliebten Thema Alkoholmissbrauch: Versteht mich nicht falsch: Ich möchte keineswegs allwöchentliches rücksichtsloses Komasaufen verteidigen, aber sich hin und wieder vergnüglich mit Freundinnen und Freunden zu betrinken ist nichts, worauf Frauen aus hanebüchenen Gründen, die dem scheinbar antiquierten Rollenverständnis eines Tilmann Grewe entspringen, verzichten sollten.
Außerdem reicht es langsam damit, dasss sich immer nur Artikel dem Thema übermäßigen Alkoholkonsums von ClubbesucherInnen widmen, wenn sie mit ‘Aufreger’-Bezügen wie ‘Sperrzeitverlängerung’, ‘die schlimme Jugend von heute’, oder ‘teure Polizeieinsätze’ in Verbindung gesetzt werden können. Das sollte unter der Würde einer NZ sein.  Ich wünschte mir mehr Artikel, die auch mal ehrlich aufzeigen, dass es lange nicht der Großteil der PartygängerInnen ist, der sich so heftig betrinkt, und Artikel, die, wenn es schon so ein Dauerbrennerthema ist, auch mal jenseits von billigen Sensatiönchen tiefer nachforschen, und Ursachen recherchieren, warum sich Leute allwöchentlich bis zur Besinnungslosigkeit betrinken. Aber einfacher ist es natürlich, sich mal eine Nacht an den Bahnhof zu stellen und dann einfach subjektive Eindrücke als Allgemeinplätze in einen Zeitungsartikel zu setzen. Journalismus ist was anderes. (Zum Beispiel sowas find ich schon besser.)
http://img12.imageshack.us/img12/2672/medium6ba7e6f704ff6e593.png

Das Thema kehrt zur Zeit aber auch wieder. Letzte Woche erst hat mich eine Kampagne wütend gemacht, die versucht gegen übermäßigen Akoholkonsum stark zu machen, indem sie u.a. suggeriert, dass, falls sie zuviel getrunken haben, Frauen selbst mit schuld seien, wenn sie vergewaltigt würden. Auch ihre Freundinnen/Freunde träfe eine Mitschuld, weil sie das Opfer nicht davon abgehalten hätten, sich zu betrinken. Siehe das Bild über diesem Absatz.

Oder auch sehr ‘schön’, dieser misslungene Versuch einer Kampagne, die das Ziel hat Frauen vom Trinken abzuhalten:
http://img683.imageshack.us/img683/8998/thebadresultsofwomendri.jpg

Das Poster impliziert im Gegenzug zu dem Spruch, der drauf steht, eigentlich ja auch gleich noch mit, dass ein ‘richtiger’ Mann verweiblicht, wenn er nicht ordentlich was wegtrinken kann. Und das wollen wir doch nicht. Also, merkt euch, Kinder: wie vom ‘anderen’ Geschlecht wirken – das ist bäh!
Naja, dieser Aktion sei ganz nebenbei hier noch ein “Fuck you, gender binary! We are 48 genders and rising!” entgegengeschleudert, bevor ich mich zum Abschluss noch ganz posi vom Rumgranteln weg zum Aktivwerden wende:

Es war Jahre nachdem die Band ‘Dr. Kimble auf der Flucht’ (sowas wie die Nürnberger Lassie Singers) – wenn ich mich recht entsinne – im alten Kunstverein einen Konzertabend mit ‘Frauentrinklieder’ betitelte, dass mir beim Einsortieren von CDs im RADIO Z Archiv der Song ’1000 Bier mit dir’ von Braut haut ins Auge ins selbige stach, und mir das Thema ‘bezüglich Alkohol konstruierte Geschlechterunterschiede’ durch den Kopf ging, und ich auf die Idee kam, mal eine Compilation zu organisieren, zu der verschiedenste female Artists ‘Frauentrinklieder’ beitragen. Oder ‘Frauenfreundschafts-Trinklieder’. Ein Thema, das in Texten von Frauen viel zu kurz kommt. In Texten von Männern ist gerade das social drinking mit Freunden oft die Kulisse für gemeinsame Erlebnisse. Frauen ziehen zwar genauso gern mal mit einer guten Freundin um den Block und führen dabei tiefschürfende Gespräche und machen idiotische Aktionen und all das, aber da es anscheinend immer noch so ist, dass es sich für Frauen ‘nicht schickt’, wird längst nicht so oft und offen drüber getextet. Wie über Frauenfreundschaften im Allgemeinen. Daher eben die Idee einer solchen Compilation.

Irgendwie kam mir das über all die Jahre hinweg immer wieder mal in den Kopf, und nun – nur läppische elf Jahre später – wird wohl was draus: Im Rahmen vom WORSE THAN QUEER am 21. Januar 2012 soll eine solche Compilation als Online-Free-Download-Version (und hoffentlich einer kleinen Tape-Auflage) rauskommen! Mal schauen, wieviele Songs bis zur Deadline Ende Dezember eintrudeln! Ist ja immer spannend bei Compilations. Wir sind zuversichtlich.

Falls jemand das hier liest und gern auch noch einen Song beitragen würde – mailt uns einfach:  sigh@evemassacre.de

Und weil ich mich so freue, was wir alles dafür zusammenorganisieren konnten, hier noch Info zum WORSE THAN QUEER:
Im Januar organisiere ich mit der wundervollen Jessthreat zusammen WORSE THAN QUEER, ein Fest mit:

  • Filmen:
    From The Back Of The Room‘ von Amy Oden
    und ein Kurzfilm über das Girls Rock Camp Berlin
  • Bands:
    Ex Best Friends – Die Berlinerinnen retten den Postpunk mit Riot Grrl Attitude
    Derby Dolls – Female fronted Punk zwischen Power Pop und NDW aus Tübingen
    Zosch! – Energiegeladener Synthiepunk aus Köln mit zwei Sängerinnen
  • Fotoausstellung von Eartrumpet (Konzertfotografie mit Fokus auf female und queer Artists)
  • Slogan Up Your Shirt! DIY Kram
    - Mobiler Siebdruckstand der Offenen Werkstätten vom K4 zum Bedrucken von Shirts, Taschen, whatever
    -Flex! Stand – Falls ihr nichts zum Bedrucken dabei habt, könnt ihr hier was erwerben
    - Steffi Rockets Nähstation zum Umnähen/Verschönern/wasauchimmereucheinfällt
  • Vegan Food
  • Und nach den Bands legen noch jessthreat, micha* vom flex! und eve massacre auf

8 Kommentare

  1. Ach Gott, Schätzchen. Hast Du wirklich keine anderen Sorgen? Frauen in sexy Klamotten, das ist wirklich prima. Ein Hingucker, der aber keinerlei Freifahrtschein bedeutet. Sollte jeder heutzutage begriffen haben. Haben manche aber nicht. Und wenn die jungen Damen dann allzu tief ins Promille-Fläschen gucken, sind sie wehrlos – und am Ende leichte Beute für die paar Hanseln, die’s eben nicht begriffen haben. Ob das nun in Dein Weltbild passt oder nicht. Also, ich finde den NZ-Atikel ganz ok.

  2. ich hätt mal gesagt: zurück mit dir an den stammtisch, beobachter. kannst ja von da aus noch ein bisschen mädels in sexy klamotten anstarren – aber vorsicht mit dem ansprechen, da kommt offensichtlich nicht so viel bei dir rum. und pass auch auf beim biertrinken, nicht dass du mal “beute” von irgendeinem hansel wirst.
    obwohl, wäre ja gar nicht so wild, so’n bisschen gewalt, oder?

  3. es gibt tatsächlich 2011 immer noch männer, die sexuelle übergriffe als kavaliersdelikt oder ausrutscher bezeichnen. erklärts mir bitte, ich würde es nämlich gerne verstehen: ist es für euch auch total okay, wenn euch jemand fremdes angrapscht, oder euch aus dem nichts auf die fresse gibt und danach sagt: “der hat mich aber auch so provozierend angesehen”?

  4. Ich kannn Dir nur zustimmen, @sexundviolence. Sexuelle Übergriffe sind absolutes nogo. Leider sieht das die Justiz nicht so. Ein Bankraub wird im Regelfall wesentlich härter bestraft als eine vollendete Vergewaltigung.

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