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“This is why events unnerve me” – Das Reuinieren & der alljährliche Festival Rant

Ihr kennt das vielleicht: Gestern kam mir eine Liedzeile in den Kopf, samt Melodie, und es machte mich verrückt, weil ich sie immer wieder vor mich hinsang, aber auf’s Verderben nicht drauf kam, aus welchem Song welcher Band sie stammt. Heute bin ich dann prompt mit der Antwort aufgewacht: Fugazis großartig dublastiges ‘Closed Captioned’ war es.

“This one wants the art this one wants the politics, everybody wants their own damn station
If we’re so fine maybe you can tell me why no one counts until they’re dead
I asked you, I asked you a question, I just want…I don’t know

The imperfections are here to find if your position is so unkind
Everything is not alright
And since we live in present tense the only hope of making sense
It all depends on the source of light”

Danke, dass ihr nicht am Coachella spielt, Fugazi.

* _ *

Als durch’s Web geisterte, dass sich nun auch noch The Make-Up reuinieren, und dass Refused am Rock im Park spielen, fragte ich mich wieder mal, warum ich mich nicht wie andere drüber freuen kann. Klar, es gibt Reunions bei denen auch ich schwach werde und gerne noch mal so tun würde, als ließe sich die Musik einer bestimmten Band aus einer bestimmten Zeit so einfach wiederbeleben, aber letztlich gab es einen Grund warum eine Band im Kontext ihrer Zeit in einer bestimmten Szene eine gewisse Wirkung entfaltete, und dieses Gefühl lässt sich nicht mitwiederbeleben. Der Liveeindruck ist dann schlimmstenfalls so, als würde man einer alternden Coverband des Originals zusehen. Anders ausgedrückt: Letzlich fühlt es sich für mich heute richtiger und intensiver an Xiu Xiu ‘Ceremony’ spielen zu hören als es mir den Song auf einer Peter Hook Show anzutun, oder: wenn Comadre ‘New Noise’ spielen, gefällt’s mir auch wieder. Es geht halt auch um Intensität.
Das soll nicht heißen, dass dafür plädiere, dass Bands irgendwann unbedingt in Rente gehen sollten – nö, das gar nicht. Deswegen fand ich auch das Madonna-Gebashe daneben, von wegen sie solle doch mal langsam aufhören. Warum sollte sie? Weil sie älter wird, weil Pop den Anspruch hat immer jung zu bleiben, weil sie ihren musikalischen Zenith überschritten hat? Nein, nichts davon wäre für mich Grund genug. Was ich traurig finde, sind nicht die MusikerInnen, die weitermachen. Was ich traurig finde, sind die, die stehenbleiben und auf einem Erfolg aus der Vergangenheit herumreiten. Da ist für mich die Aura des Cash-Cow Melken stärker als die Aura des vielleicht wirklich guten Werkes aus der Vergangenheit. Egal wie verführerisch es ist, wenn einem die Musik einer Band wirklich viel bedeutet, ich mag das nicht, dieses Verfallen in Achtungsstarre, dieses in einen Schrein stellen, als hafte diesen Bands aus der Vergangenheit eine Aura an, die jüngere Bands gar nicht mehr erreichen können, vielleicht weil sie aus einer Zeit der medialen Schnelllebigkeit und Reizüberflutung stammen. Die haben eher damit zu kämpfen, überhaupt mal für länger als ein, zwei Jahre Beachtung zu finden. Pains of being born too late.

Ein wenig Spott haben Bands, die sich zum Abkassieren noch mal zusammentun, und dabei wichtigwichtig tun, als könnten sie eine bessere Vergangenheit wiederbeleben, allemal verdient. Refused sind da natürlich ein beliebtes Ziel derzeit, was völlig verständlich ist: Sie haben ja nicht nur Fans im Nu Metal Mucker Lager (ich beschuldige immer noch Refused diese furchbare Genre mit ausgelöst zu haben), sondern haben ja viele Fans durchaus ihren Politics und einer unterstellten Glaubwürdigkeit zu verdanken. Die haben mitunter die Auflösung von Refused gern dankbar als konsequenten Schritt im Angesicht des ‘drohenden’ größeren kommerzielleren Mainstreamerfolgs gesehen und sie dafür noch ein bisschen toller gefunden, so dass es natürlich einen wunden Punkt trifft, wenn Refused in ihrem Reunion Statement schreibt: “We never did ‘The shape of punk to come’ justice back when it came out, too tangled up in petty internal bickering to really focus on the job. And suddenly there’s this possibility to do it like it was intended. We wanna do it over, do it right.” Wer könnte es da den Fans von damals übelnehmen, wenn sie schon mal kurz bitter darüber auflachen müssen, dass die Band bei ihrer Reunion gleich den first bus into Coca-Cola City nimmt, der sie in ‘Worms Of The Senses’ noch ganz ‘nauseous and shitty’ gemacht hatte. (Coca Cola ist einer der größten Sponsoren des Coachella Festivals, das als erster Reunion-Spielort bekanntgegeben wurde).

Ich nutze die Gelegenheit gleich mal für meinen alljährlichen Festival Rant: Diese Massen-Festivals wie Coachella oder hierzulande RIP/RAR/MELTusw sind in den letzten Jahren wirklich zu den wirtschaftlich hypereffizienten H&Ms unter den Konzerten herangewuchert. Als Suggestionsapparat der Glückseligkeit absolut bewundernswert. Was so viele gut finden, was so viele Jobs bringt, das kann doch gar nicht schlecht sein. Bands werden mit ihrer Musik wie Billig-Massenware über die Bühne gescheucht, je unbekannter je unbezahlter, das Publikum verbringt ein Wochende mit Schlangestehen, sich den Weg durch Menschenmassen bahnen und einem Hygiene- und Komfortminus, das völlig nachvollziehbar macht, warum sich die meisten so Wegknallen. Drauf angesprochen, warum sie hingehen, wird meist in Geiz-ist-geil-Manier unterstrichen, dass es ja so viel günstiger sei, sich all die Bands auf einmal anzugucken, als wenn man auf all die einzelnen Konzerte davon ginge. Für die Nerds unter den Gästen ist es die günstigste Möglichkeit die ‘relevanten’ Bands auf der To-Do-Liste abzustreichen. Dazu sind die Festivals inzwischen ja auch wirklich perfekt als zielgruppenoptimierte Massenbandhaltung zurechtgecastet, was zwar mitunter zu einer gewissen Austauschbarkeit führt, aber der Wirkung von Festivalnamen als Brands nicht viel nimmt.
So.
Heuer mal etwas kürzer ausgefallen.
Ich plädiere nach wie vor für mehr den liebevollen kleine community-based Konzertgenuss anstelle vom Untergehen in Menschen- und Bandmassen, aber hey: Ich gestehe, dass auch ich mein letztes Buch wenn auch nicht von, dann doch zumindest über amazon gekauft habe.

Hey, hey, my, my …

Die sanfte Ironie, dass die Chromatics mit diesem Cover den Rock’n’Roll endgültig aus diesem Song vertrieben haben, ist schwer zu übersehen. Aber sehr schick haben sie das getan.

cat

La Musique: sAuce, Hhappiness, Cats & Cats & Cats, Ital

Eine kleine Empfehlung aus dem Future Bass / Glitch Hop Sektor: sAuce hat auf bandcamp ein Album mit einigen richtig schönen Tracks released: ‘Forge Through Future‘.

Ich bin ganz ehrlich: Vieles aus dieser Musikecke finde ich inzwischen unspannend, weil es zwar einen Haufen handwerklich gute Producer gibt, von denen aber leider viele auf denselben paar Ideen herumreiten. Vielleicht wird’s jetzt einfach totgeritten wie Dubstep zuvor – was für eine Reise: von Digital Mystikz über James Blake zu drei Grammys für Herrn Skrillex! Glückwunsch, harhar! -, hey, aber manchmal lohnt sich’s dann doch weiter die Ohren offenzuhalten und es finden sich ja auch immer wieder richtig gute Sachen zwischen all dem Konsenskram. Sowas ist dieses sAuce Album für mich:

Grandiose dicke Beats, stolpernd und dich doch eisern an der Hand nehmend. Sweete introvertierte Melodien, die aber nie zu kitschig werden. Funkelnde und blubbernde Synthies und Samples. Liebe zum Detail: Das hier schielt nicht einfach nur auf Effekte und den Dancefloor, sondern nimmt sich Zeit Songs zu entwickeln. Vom verhallt orgelnden Opener ‘Hmmm’ bis zu ‘Lullabytes of Memory’ mit dieser kleinen nostalgischen Sax/Trompetenlinie… als würde sich ein einsamer mitternächtlicher Bläser mit dem fett vor sich hinbollernden Synthieriff duellieren, nein, eben nicht duellieren, sondern sAuce schafft’s dass sich das wunderbar ineinanderfügt. ‘The Reminder’ featuring Mimi Page ist ein 1A kleiner Popsong, der sehr schön Dreampop und Glitchhop vereint. Es sind einige Kollaborationen drauf, mit Profresher, der Cat Food Crew, Burney Kutter u.a., 7 der 13 Tracks, aber trotzdem ist es aus einem Guss.

Hinter dem Namen sAuce steckt übrigens Caleb Young aus Northwest Montana, der seit 2009 seine eigenen Sachen produziert und der aus der Underground Hiphop und Experimental-Electronica Ecke kommt.
Das Album ist nicht durchgehend Gold, aber hat mehr richtig richtig gute Tracks als so manch bekannteres Release. Deswegen: Absolute Empfehlung!
Noch dazu bei so einer sympathischen ehrlichen Ansage solltet ihr euch echt überlegen ein paar Euro zu investieren:

“I’m extremely broke right now. So i’m reaching out to my family, friends, and fans to help me get through this tough time. I’m offering 13 oober vibing tracks for $1… or you can donate more, which will be greatly appreciated. It will help me get to Costa Rica to play Envision, pay rent, eat, and make more music. If you don’t have any way of purchasing anything online, or at all, and you still would like to have the album just PM and we will figure something out. I want everyone that would enjoy having this album, to have it. Love N’ Blessinz. Yours Truly. s∆uce”

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Völlig andere Musikecke: Hhappiness sind zurück und haben ein ‘h’ mehr im Namen und eine EP zum Gratisdownload mitgebracht, die morgen dann auch als 7“ auf Almost Musuque erscheinen wird.

Großartiger Lo-Fi Indie aus Stockholm, mit viel Reverb und Herzschmerz und spacigen Noiseausflügen, der in wohltuender Weise Imperfektion umarmt, und hier, zum Song ‘Bananas’ gibt’s auch ein Video:

Hhappiness – ¨Bananas¨ from Control Freak Kitten Records on Vimeo.

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CATS AND CATS AND CATS haben einen wunderbaren lesenswerten Ratgeber verfasst: “10 Tipps for being in an unsuccessful band“, der sie mir gleich noch mal sympathischer macht, als sie’s mir eh schon wegen ihrer Musik waren, und der in dem schönen von ihnen gerade praktizierten Tipp Nr. 10 gipfelt: “Just put out a greatest hits? Split up!” Das tut die Band nach ihrer derzeitigen Europa Tour nämlich, weil einer von ihnen nach Japan geht. Noch ein Grund mehr, morgen, 14.2.2012, auf die Show von ihnen und We Fade To Grey zu kommen, für die ich das Vergnügen hatte, dieses Poster zu machen:


Und da sie zu siebt anreisen, hoffe ich mal, dass sie auch wirklich Bläser, Geige und was weiß ich dabeihaben, was auf ihren Alben so zum Einsatz kam.

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Und wenigstens kurz angerissen noch eine Empfehlung: ITALs Album auf Planet Mu, wenn ihr brandneuen House mögen könntet, der mit einer Patina überzogen klingt und Mut zum Herumexperimentieren hat. ITAL ist Daniel Martin-McCormick, der mit seinen Bands BLACK EYES (Dischord, Washington DC) und MI AMI (Thrill Jockey) auch schon zu Gast bei uns im Zentralcafé war. Von ITALs Album gibt’s ganz frisch hier einen Vorgeschmackclip:

ITAL war bislang auf 100% SILK unterwegs, einem tollen kleinen Label für verspulte neue und auf nostalgisch-diskoid/housige Weise alt klingende Dance Music (Sublabel von Not Not Fun, glaub ich). Dort hat übrigens auch ein weiteres MI AMI Mitglied released: Damon Palermo, der zuletzt als Mitmusiker von JONAS REINHARDT bei uns zu Gast war. Sein Dance Alter Ego ist MAGIC TOUCH und was er unter diesem Namen macht, klingt mitunter so: